Saatgut unter Verschluss
Die neue Gentechnik soll dereguliert werden. Das sagen sie laut. Was sie nicht sagen, ist lauter. Wer das Saatgut besitzt, besitzt die Ernte. Wer die Ernte besitzt, besitzt die Stadt. So hat es angefangen, so wird es enden.
Brüssel plant, die Vorschriften für neue gentechnisch veränderte Pflanzen aufzuweichen. Klingt nach Verwaltung. Ist Konzern. Wo die Aufsicht wegfällt, wächst die Patentlawine. Saatgut wird nicht vermehrt, sondern lizenziert. Jedes Korn trägt einen Eigentümer, jede Aussaat eine Gebühr. Der europäische Markt wird überflutet — nicht von Korn, sondern von Ansprüchen.
Die Konzerne melden Patente an. Auf Pflanzen, auf Gene, auf Verfahren. Das ist kein Ackerbau mehr, das ist Aktenführung. Die Folgen tragen andere: Kleinbäuer:innen, die ihr Saatgut selbst gewonnen, getauscht, weitergegeben haben. In Indien bedrohen patentierte Saatgutregelungen die Nahrungssicherheit ganzer Dörfer. Was hierzulande droht, ist die europäische Variante desselben Drucks.
Die Privatisierung schneidet alte Bräuche ab. Saatgut wiederzuverwenden, zu tauschen, an Nachbarn zu geben — das wird zur Grauzone. Was Generationen offen hielten, soll unter Verschluss. Kein Fortschritt. Enteignung im Gewand der Forschung.
Die Vielfalt schrumpft, wenn Patente bestimmen, was angebaut wird. Pflanzengenetik, einst Gemeingut, wird exklusives Eigentum. Natürliche Ressourcen, über die Menschheit seit Jahrtausenden frei verfügte, geraten unter die Kontrolle weniger Aktiengesellschaften. Monopol mit wissenschaftlichem Siegel.
Es heißt, das Gesetz schütze die Bäuer:innen. Durch Rückverfolgbarkeit, durch Sanktionen, durch Qualitätssicherung. Schön formuliert. Aber wer haftet, wenn das Korn nicht keimt? Wer entschädigt, wenn die Lizenz teurer ist als der Ertrag? Die Antwort steht nicht im Gesetz. Sie steht in den Bilanzen derer, die es geschrieben haben.
Lokale und öffentliche Produzenten sollen gestärkt werden, so die Rede. Wer aber kontrolliert, was als „lokal" gilt, wenn die Konzerne den Rahmen setzen? Wer reguliert die Importe, wenn die Deregulierung den Markt öffnet wie ein Scheunentor?
Die Stadt redet über Preise. Sie hat nie geerntet. Sie weiß nicht, wie ein Feld riecht, bevor es stirbt. Sie weiß nicht, was es heißt, ein Säckchen Korn zu besitzen, das niemandem außer einem selbst gehört. Wenn dieses Säckchen jetzt einer Lizenz bedarf, ist nicht das Saatgut neu. Es ist das Eigentum. Neu daran ist nur, dass es kein Bauer mehr ist, der es hält.
Es bleibt: die Erde. Und die Frage, wem sie gehört, wenn die Ernte kommt.