FLÜSSIGGAS ALS FREIHEIT — WER ZAHLT, WER SCHWEIGT
Man hat mir beigebracht, Schichten zu lesen wie andere Leute Briefe. Was oben liegt, ist nicht immer, was zählt. Was darunter liegt, drückt. Was in der Mitte liegt, verrät.
So liegt Europa jetzt. Eine Schicht heiliges Pathos obendrauf — 'nie wieder russisches Gas' — und darunter eine Speicherstatistik wie der Puls eines Fieberkranken. Die Vorräte weit unter dem saisonalen Normalwert. Historisch niedrig. Man sagt das so leicht. Es bedeutet: Wenn der Winter beißt, beißt er bis auf den Knochen.
Und nun, wo der Persische Golf zittert — Hormuz, die schmale Pforte, durch die ein wachsender Strom Flüssigerdgas atmet —, sprechen ehemalige Politiker von ökologischen Gefahren neuer Bohrungen im Arktischen Ozean. Sie haben recht. Was sie verschweigen: dass dieselbe Hand, die das russische Ventil zudreht, das texanische aufreißt. LNG-Import. Fracking-Schiff. Henry Hub. Amerikanisches Gas, verflüssigt, verschifft, an unseren Küsten gelöscht, mit dem Segen einer Energiepolitik, die sich grün nennt, weil das Etikett jetzt so heißt.
Wer profitiert? Die Exporteure am Golf von Mexiko. Die Reeder mit ihren Tankriesen. Die Terminals an der Nordküste. Die Banken, die privates Kapital in europäische Atom- und Gaskraftwerke lenken — Infrastruktur, die man vor drei Jahren noch als Klimasünde brandmarkte und die heute als nachhaltig verbucht wird.
Die Koalition warnt zu Recht vor den Sicherheitsrisiken jeder Aufhebung des Bohrverbots. Die geopolitische Lage, die Verwundbarkeit jeder Pipeline, jedes Terminals. Aber wer hört auf ehemalige Politiker, wenn die Kassen der Gegenwart klingeln?
Die EU-Kommission hat einen Vorschlag für eine Taxonomie-Verordnung gemacht, die Atom- und Gaskraftwerke als nachhaltig einstuft. Nachhaltig. Ein Wort wie ein Mantel, der alles bedeckt. Buchhalterisch erlöst. Physikalisch nicht.
Europa könnte eine kritische Gasvorratslücke erleben. Wenn Hormuz stockt. Wenn der Winter kommt. Wenn die Preise steigen. Wenn am Ende die Rechnung nicht bei den Architekten dieser Strategie liegt, sondern bei den Mietern, deren Heizung im Februar entscheidet, ob sie frieren oder zahlen.
Die Zeit arbeitet gegen uns.
Die Erde kennt keine Taxonomie. Sie kennt nur Druck, Temperatur, Zeit.