Vom Fahndungsfoto zum Liefernachweis
Die Drähte summen. Clearview AI hat wieder zugeschlagen — diesmal nicht für die Polizei, sondern für die Plattformen, die uns unsere Pakete bringen. Gig Economy, heißt das im neuen Sprech: Fahrer, Kurierfahrer, Menschen auf Lieferfahrrädern. Ihre Gesichter werden künftig gegen eine Datenbank abgeglichen, die das Unternehmen von zehn auf hundert Milliarden Fotos aufblasen will.
Ich übersetze: Clearview baut sich einen Ausweis, den niemand fälschen kann, weil niemand sein Gesicht austauscht. Biometrische Merkmale sind keine Passwörter. Sie lassen sich nicht zurücksetzen.
In Brüssel weiß man, dass diese Datenbank ohne Erlaubnis der Abgebildeten entstand. Illegal nach DSGVO. Konsequenzen — fast keine. Erstmals könnte es zu einer strafrechtlichen Verfolgung kommen. Unklar bleibt, warum so lange gewartet wurde. Unklar bleibt auch, wer genau profitiert, wenn ein Konzern jedes europäische Gesicht in einer Cloud hortet.
Das neue EU-Datengesetz erweitert den Zugriff auf Daten vernetzter Geräte und soll Wettbewerb fördern. Eine schöne Worthülse. Wettbewerb zwischen wem? Zwischen Konzernen, die unsere Daten längst besitzen. Der Arbeitsmarkt der Gig-Plattformen ist das ideale Testfeld: keine Gewerkschaft, kein Betriebsrat, kein Schreibtisch, an dem jemand fragt, wer eigentlich bezahlt.
Befürworter preisen Sicherheit. Kritiker sehen Bürgerrechte in Auflösung. Beide haben recht. KI erleichtert Aufgaben — und sie entmündigt. Sie schafft eine Kontrolle, die früher ein Personaler kostete und heute ein Algorithmus in Echtzeit erledigt, lückenlos.
Clearview liefert das Auge. Die Plattformen kaufen es. Die Beschäftigten zahlen mit Gesichtern, die sie nicht zurückfordern können.