Opioid-Sammelklage in Cleveland: Wer schweigt?
CLEVELAND — vor dem Bundesgericht verhandelt eine Sammelklage gegen Pharmahersteller und Großhändler. Die Anklage: Sie tragen Mitverantwortung an der Opioidkrise. Jeder Konzern ein Akteur in einem Stück, das seit Jahren auf Tournee ist und dessen Drehbuch niemand prüft.
Die US-Regierung unterstützt die Bundesstaaten und Kommunen in ihren Klagen wegen des Opioidnotstands. „Unterstützt" — das ist das Wort der Pressemitteilung. Was ich sehen will: Auslieferungsdaten, Schwellenwerte, ab denen ein Großhändler hätte stoppen müssen. Sie stoppten nicht. Apotheken bestellten mehr Oxycodon, als die Nachbarschaft Patienten hatte. Die Lieferungen kamen trotzdem.
Dann der juristische Taschenspielertrick: „Texas Two-Step". Nur in bestimmten US-Bundesstaaten anwendbar — eine Spaltung des Unternehmens, ein gezieltes Insolvenzverfahren, das die Kläger vor einer leeren Hülle stehen lässt. Johnson & Johnson hat genau das versucht, nicht bei Opioiden, sondern bei einem Babypuder mit krebserregenden Inhaltsstoffen. Ein Bereich fällt, die Verantwortung verschwindet im Konkursschutz.
J&J — der weltgrößte Gesundheitskonzern — weigert sich, den Prozess in Oklahoma außergerichtlich zu lösen. Sie gehen bis zum Urteil. Die Strafe fiel niedriger aus als die prognostizierten 1,5 bis 2 Milliarden Dollar. Deutlich niedriger. Unklar bleibt, ob das Urteil in der Berufung hält.
Und am Rand, was nie am Rand sein darf: J&J und AstraZeneca verwechselten Impfstoffchargen. 15 Millionen Dosen unbrauchbar. Der J&J-Impfstoff wurde in den USA wegen seltener Blutgerinnsel zeitweise gestoppt. Selten ist keine Entschuldigung.
Ich lese Beipackzettel. Ich lese Geschäftsberichte. Beide werden zu wenig gelesen.