← Zurück zur Titelseite Wirtschaft

Hundert Basispunkte herunter, die Rechnung bleibt oben

12. Juli 2026 — — — E. Wolff

Frankfurt am Main. Die Europäische Zentralbank hat ihre Zinssätze seit Juni 2024 um insgesamt hundert Basispunkte gesenkt. Das schreibt sie selbst. Wer den Mund aufmacht, fragt: wem nützt es? Die Antwort steht nicht in den Pressemitteilungen. Die steht in den Bilanzen.

Die Inflationsaussichten haben sich verbessert, sagt die Bank. Die zugrunde liegende Inflation hat sich abgeschwächt. Also wird weiter gelockert. Klingt nach Vernunft. Riecht nach Plan. Denn wer die Zinsen senkt, senkt die Zinsaufwendungen — und die Zinsaufwendungen sind es, die der EZB 2025 ein Minus beschert haben, das kleiner ausfiel als im Vorjahr. Der Fehlbetrag schrumpft nicht, weil die Wirtschaft gesundet. Er schrumpft, weil die Medizin billiger wird, die ihn verursacht hat.

Die Logik ist so elegant wie ein Schwindel. Die geldpolitischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Inflation haben die Bilanz erweitert. Erweiterte Bilanzen produzieren höhere Zinsaufwendungen. Höhere Zinsaufwendungen produzieren Fehlbeträge. Die Leitzinssenkungen und die auslaufenden Wertpapiere reduzieren nun diese Aufwendungen. Man heilt die Wunde mit dem Messer, das sie geschlagen hat, und nennt das Genesung.

Die Bilanz schrumpft, weil Tilgungsbeträge nicht wiederangelegt werden. TARGET-Nettoverbindlichkeiten, dieses schöne Wort für Geld, das woanders fehlt, tragen geringere Zinsen. Das ist keine Straffung. Das ist das natürliche Ausbluten einer Wunde, die man künstlich offen gehalten hat.

Die HVPI-Inflation ohne Energie und Nahrungsmittel sinkt, sagt man uns. Stabilisierung in Sicht. Die Energiepreise bleiben volatil — was übersetzt heißt: morgen kann alles anders sein. Das Wirtschaftswachstum im Euroraum stützt sich auf steigende Reallöhne, neue Staatsausgaben und weniger restriktive Finanzierungsbedingungen. Steigende Reallöhne für wen? Neue Staatsausgaben für was? Weniger restriktive Finanzierungsbedingungen — wofür?

Unklar bleibt, wer in den Aufsichtsgremien der EZB den Bürgern erklärt, dass eine Bilanz, die zur Inflation geweitet wurde, jetzt zur Heilung schrumpft und dabei Defizite produziert, die niemand der Verursacher nennt. Die Nadelstreifen sagen: Vertrauen. Der Rauch aus meiner Pfeife sagt: warten wir ab, was als nächstes gedruckt wird.

✦ Ende des Artikels ✦
← Zurück zur Titelseite