Saaremaa und die Akte, die niemand öffnen will
Manche Theorien sterben nicht. Sie werden begraben, in dicken Ordnern, hinter schalldichten Türen — dort, wo der Tabak kalt wird und die Akten warm bleiben. Die Laborleck-Theorie ist so eine. Zuerst formuliert wurde sie von einem chinesischen Biologen — nicht von einem Verschwörer, nicht von einem Senator aus Texas, sondern von einem Mann mit Pipette und Sicherheitsprotokoll. Das vergessen jene gern, die das Wort Verschwörung führen wie andere das Wort Kleingeld.
Was wissen wir? Das Wuhan Institute of Virology betrieb Gain-of-Function-Forschung. Man verändert Viren, um sie ansteckender zu machen. Man nennt das Wissenschaft. Wer die Geschichte der Biologie kennt, nennt es auch: ein Brandbeschleuniger mit ethischem Anbauetikett. Shi Zhengli, die Fledermausfrau von Wuhan, durchsuchte ihr eigenes Labor. Sie fand keine Übereinstimmung mit den Proben. Beruhigend. Auch unvollständig. Forschungsdaten verschwanden. Hochsicherheitslabore in China verschärften ihre Vorschriften — wann genau, sagen jene nicht, die es wissen müssten.
Dann tritt Projekt Saaremaa auf den Plan. Ein deutscher Auslandsnachrichtendienst sammelt Indizien. Das Ergebnis: hohe Wahrscheinlichkeit für einen Laborunfall. FBI und CIA gelangen zu ähnlichen Einschätzungen. Drei Geheimdienste, drei Länder, ein Befund — und er wird unter Verschluss gehalten. Auf Anweisung der Bundeskanzlerin. Und ihres Nachfolgers. Man stelle sich das vor: Nicht die Wissenschaft wird zensiert, sondern die Schlussfolgerungen jener, die der Wissenschaft misstrauen.
Wer profitiert? Wer zahlt den Preis des Schweigens? Wenn das WIV die Quelle war, ist die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit China eine Mitwisserschaft. Wenn es die Natur war, ist die Geheimhaltung ein politischer Akt. Beides ist ein Skandal. Die Laborleck-Theorie ist kein Hirngespinst. Sie ist die unbequeme Tochter einer Forschung, die zu lange glaubte, sie könne Viren aufschrauben, ohne dass die Schraube zurückschlägt. Was bleibt, ist ein Rätsel, gelöst auf Bestellung, weggesperrt auf Geheiß.
Die Frage, die offen bleibt: Wer in Berlin hat damals entschieden, dass die Wahrheit gefährlicher ist als das Virus?