Die Versammlung der Selbstbestätigung
Manche Orte sind nicht dazu gebaut, dass man sie betritt — sondern dazu, dass man von ihnen erzählt. Davos im Januar ist ein solcher Ort. Dreitausend Stimmen aus über hundertdreißig Ländern, darunter fünfundsechzig Staats- und Regierungschefs, CEOs, deren Namen auf keiner Wahlurne stehen, Institutionen, die sich selbst als neutral begreifen, weil sie es längst nicht mehr sind. Die breite Palette, heißt es. Die Vielfalt. Der Diskurs.
Wer genauer hinsieht, sieht eine Architektur. Keine demokratische — eine vertragliche, private, exklusive. Das WEF ist kein Marktplatz der Ideen, sondern ein Spiegelkabinett der Gewissheit. Man trifft sich, um sich zu bestätigen, dass die eigene Diagnose die einzig mögliche war, dass die Rezepte, die man bereits in der Schublade hatte, nun endlich von der Mehrheit geteilt werden. Die Pandemie hat diese Mechanik nicht erfunden, sie hat sie sichtbar gemacht: Während die einen ihre Verluste in Monaten ausglichen, brauchten die anderen Jahre. Während die einen von zu Hause aus weiter regierten, verloren die anderen Wohnung, Arbeit, Würde. Die Kluft ist keine Naturkatastrophe, sie ist eine Entscheidung — getroffen von jenen, die sich in Davos die Hände reichen.
Dass ausgerechnet jene, die von Verschwörungstheoretikern als Architekten einer neuen Ordnung gesehen werden, sich als Hüter der Demokratie inszenieren, gehört zu den bemerkenswerten Volten unserer Zeit. Man umgeht die Parlamente, nicht weil man sie verachtet, sondern weil man sie nicht braucht. Das Forum ist das Parlament jener, die keine Wähler, sondern Bilanzen verantworten. Was hier beschlossen wird, ist kein Gesetz, sondern ein Konsens — und Konsens unter Gleichen ist selten demokratisch.
Der Machtwechsel an der Spitze, so wird versichert, markiert keine ideologische Wende. Das stimmt. Er markiert eine Eskalation. Die Strukturen bleiben, sie werden nur dichter. Wer protestiert, wird als Störung empfunden — nicht als Korrektiv. So funktioniert Selbstbestätigung: Sie kennt keine Außenkante.
Offen bleibt, wer zu diesen dreitausend Eingeladenen spricht, wenn die Kameras aus sind. Die Reden kennen wir. Das, was zwischen den Reden geschieht, ist die eigentliche Verhandlung.