Die Ernte gehört bald denen, die nie säen
Die Erde hier hat ein Gedächtnis. Sie erinnert sich, wem sie gehörte, bevor die Banken kamen. Sie erinnert sich an die LPG-Schilder, an die Kolchosen, an die Treuhand-Nächte, in denen Aktentaschen mehr wogen als Pflugscharen. Jetzt, da die Großväter sterben und die Enkel rechnen, kommt das Geld von außerhalb. Es kommt leise. Es kommt in Fonds.
Ostdeutsche Bauern stehen auf ihren Äckern und können sie nicht mehr bezahlen. Der Hektar, der vor zehn Jahren noch für vierstellige Summen zu haben war, kostet heute fünfstellig, oft sechsstellig. Nicht weil die Frucht plötzlich mehr wert wäre. Sondern weil Kapital auf der Suche nach Rendite entdeckt hat, was der Bauer nie entdecken musste: dass Ackerland eine Anlage ist. Eine sichere. Eine, die wächst, auch wenn die Zinsen fallen.
Wer kauft? Das ist die Frage, die in keinem Landtagsbericht steht. Es sind Pensionsfonds, es sind Staatsfonds aus Ländern, deren eigene Töpfe zu den größten der Welt gehören, während deutsche Vergleichsfonds dagegen wirken wie ein Sparbuch neben dem Tresor. Es sind Investoren, die nicht säen, nicht ernten, nicht im Schlamm stehen, wenn der Mähdrescher im Oktober liegen bleibt. Sie kaufen Flächen, weil der Boden knapp ist und die Politik knapp mit dem Mut, ihn zu schützen.
Die Art der Verwaltung hat das Schlachtfeld hinterlassen, auf dem jetzt Dritte tafeln. Einst staatlich, dann restituiert, dann privatisiert, dann zerstückelt. Wer keinen pachtvertrag aus den Neunzigern mit der Kirche oder dem Freistaat hat, wer kein Erbe in der Familie vorweisen kann, der steht mit leeren Händen da. Die Gesetze sind weich. Die Grauzonen sind breit. Was hier geschieht, trägt einen alten Namen: Landnahme. Nur sitzt sie heute im Anzug.
Investition in die Landwirtschaft ist nicht das Übel. Wer düngt, wer bewässert, wer Ställe baut, der ist willkommen. Aber wer Flächen aufkauft und sie brachliegen lässt, wer Preise treibt, bis der ortsansässige Betrieb keine Chance mehr hat — der ist kein Bauer. Der ist ein Spekulant auf Humus.
Die Nahrungsmittelkrise von 2007 und 2008 war der Startschuss. Seither sitzt das Geld auf dem Acker wie ein Gläubiger auf der Schulbank. Es will Sicherheit. Es will Export. Es will Energiepflanzen für Märkte, die nicht mehr heimisch sind, sondern vernetzt. Die Bauern hier verstehen die Sprache nicht, in der diese Verträge gemacht werden. Sie verstehen nur, dass der Nachbar seinen Hof verkauft hat. An wen, weiß keiner so genau. Unklar bleibt, wer im Einzelfall wirklich zeichnet.
Was bleibt? Die Erde. Die bleibt. Aber wem sie dann gehört, das entscheidet sich nicht mehr auf dem Feld. Das entscheidet sich in Räumen, zu denen der Bauer keinen Schlüssel hat.