Der Konzern, die Flut und die Werbelüge
Ein Belgier steht vor Gericht und schweigt. Er schweigt, weil ihm im Sommer 2021 die Worte weggespült wurden — als das Wasser über die Ufer seiner Heimat trat, Schlamm in die Häuser trug und eine Freundin unter sich begrub. Er ist einer unter mehreren Klägern. Hinter ihm reihen sich Umweltverbände ein, die seit Jahren dieselben Akten lesen wie ich einst Bohrkerne. Vor ihm steht TotalEnergies — der Konzern, der in erdgeschichtlichen Zeiträumen denkt, wenn er Kohlenwasserstoffe verspricht, und in Quartalsberichten, wenn er sich klimaneutral nennt.
Die Anklage wiegt schwer, auch wenn sie in Paragrafen gefasst ist. Trotz wissenschaftlicher Erkenntnisse über den Klimawandel fördert TotalEnergies weiterhin Öl und Gas, gefährdet die Artenvielfalt und nimmt die tödlichen Folgen in Kauf — Folgen, die bis heute Namen tragen, von Schülern, Müttern, Nachbarinnen. Der Konzern wehrt sich: Es sei keine Werbung, sondern institutionelle Kommunikation. Eine juristische Verrenkung, glatt wie ein Bohrkern aus der Tiefe, hart wie das Gestein, das er durchstößt. Wer so spricht, will nicht klären, sondern verschleiern.
Die Struktur hinter dieser Ausflucht ist alt und gut geölt. Wer profitiert, wenn Umweltversprechen als Berichterstattung getarnt werden? Der Konzern profitiert, der sein grünes Image in Werbepausen verkauft. Die Branche profitiert, die sich an freiwilligen Selbstverpflichtungen wärmt. Jede Agentur, jede Kommunikationsabteilung profitiert, die zwischen Wahrheit und Lackierung vermittelt. Das Urteil setzt nun ein Signal: Werbung über Umweltverpflichtungen darf nicht länger mit der tatsächlichen Unternehmenspraxis kollidieren. Achttausend Euro zahlt TotalEnergies an die Verbände. Die beanstandeten Informationen müssen verschwinden.
Die NGOs nennen es Greenwashing. Sie haben recht, und sie wissen, wie oft sie es schon gesagt haben. Die Erde schweigt zu dem Vergleich. Sie riecht heute nach verbranntem Staub, nach Rauch und nach dem Tang des Hochwassers, das 2021 die Keller füllte. Unklar bleibt, ob das Urteil über die Konzernzentrale hinaus wirkt — wo auch immer der Konzern seine Klimawerbung druckt — oder ob die nächsten Kläger erst die nächsten Toten zählen müssen. Unklar bleibt auch, welche juristische Schicht der Konzern als nächstes mobilisiert.
Der Belgier geht nach Hause, mit einer Summe, die für ihn keine Summe ist.
Die Schwerkraft kennt kein Greenwashing.