Im Aufsichtsrat der Pandemie
Washington hat sich für den TRIPS-Waiver eingesetzt. Historisch, sagen sie. Ich registriere, ich staune nicht. Ich frage: wer blockiert weiter?
Deutschland blockiert. Die Schweiz, Großbritannien, Australien, Japan — sie halten die Sperre aufrecht. Frankreich zeigt sich offen. Kanada ebenfalls. Eine WTO-Mehrheit für den Waiver? Bei diesen Konstellationen unwahrscheinlich.
Ich gehe der Frage nach, was geschieht, wenn der Waiver fällt. Patentfreigabe heißt nicht automatisch Produktion. Indien, Südafrika — sie haben Werke, aber keine mRNA-Plattform. Die Technologie steckt in Patenten, in Geräten, im Know-how der Mitarbeiter. Wer das Wissen nicht teilt, teilt auch die Patente nicht.
Moderna kündigt an, Patente zu verzichten und externen Wissenschaftlern die mRNA-Plattform zu öffnen. Das erhöht die globale Impfstoffverfügbarkeit, das verbessert die Reaktion auf kommende Pandemien. In der Sprache der Bilanzen: eine Lieferung von Macht nach außen.
Aber wer kontrolliert den Zugang? Welche Verträge werden geschrieben? Welche Lizenzgebühren fließen — und an wen? Unklar bleibt, welche konkreten Mechanismen Moderna wählt, um Hersteller ohne Erfahrung in die Impfstoffproduktion zu bringen.
Dabei zeigen die Erfahrungen der Pandemie: Technologietransfer beschleunigt die Produktion erheblich. Hersteller ohne vorherige Expertise können schnell in die Lage versetzt werden, Impfstoffe zu produzieren — wenn jemand den Schlüssel dreht.
Die Frage ist nicht, ob der Waiver rechtlich möglich ist. Die Frage ist, wer ihn politisch will. Wer blockiert, sitzt nicht im Aufsichtsrat von Moderna. Wer blockiert, sitzt in seinen eigenen Kammern und schützt, was ihm gehört: das Wissen, den Preis, den Vorsprung.
Ich notiere: Eine Pandemie, in der Wissen zur Ware wurde. Die Blockierer handeln im Namen des Rechts. Aber welches Recht schützt einen Patentanspruch über einem Toten?