BRÜSSEL ZIEHT DIE SCHRAUBE AN — BERN SCHAUT WEG
Sieben Uhr morgens. Der Kaffee steht kalt. Vor mir die Karte von Europa — und zwei Linien, die sich kreuzen sollten, aber nicht tun. Die eine ist rot: die CSDDD, Brüssels neue Richtlinie, die Konzerne zwingt, Menschenrechte und Umwelt entlang der gesamten Wertschöpfungskette offenzulegen. Die andere ist grau: das, was die Schweiz hat. Eine Berichterstattungspflicht, löchrig wie ein Sieb aus der Gründerzeit.
Ich lese Gesetze wie andere Leute Bohrkern. Und was ich sehe, ist eine Schichtung aus Kalk und Schweigen.
Die EU hat geliefert. Strenger, weiter, verbindlicher als alles, was Bern je gewagt hat. Die Schweiz hat 2020 abgestimmt — die Konzernverantwortungsinitiative bekam die Volksmehrheit und fiel trotzdem. Das Ständemehr sagte nein. Seither sagt Bern gar nichts mehr.
Die Schweiz lehnt den UNO-Vertrag ab. Sie sitzt nicht einmal am Tisch. Obwohl die Ziele fast identisch sind mit dem, was die eigene Bevölkerung mehrheitlich wollte. Wer profitiert von dieser Abwesenheit? Welche Struktur trägt sie? Es riecht nach den alten Verdächtigen — Wirtschaftsverbände, die sich ducken, und Konzerne, die im Schatten weiterwursteln.
Währenddessen treiben afrikanische Staaten, Teile Asiens und Lateinamerikas den Vertrag voran. Die Stimmen, die Bern überhört, kommen aus den Minen, den Plantagen, den Flussläufen, wo das Gift längst im Boden sitzt.
Mammut, Wirtschaftsverbände — sie drängen auf klare Regeln. Sie wollen Rechtssicherheit. Das klingt nobel und riecht nach demselben Spiel, nur mit EU-Maske.
Unklar bleibt, wie die Schweiz ein Gesetz entwickeln will, das zur EU-Richtlinie passt. Bisher: nichts als die alte Pflicht, die Nestlé und Syngenta nicht davon abhält, problematische Produkte weiterhin zu verkaufen. Versprechen auf Papier. Die Erde kennt die Bilanz.
Die EU stärkt die Verantwortung. Die Schweiz hat Rückstände. Und in den Rückständen wächst das, was nie wachsen sollte.
Erosion ist kein Urteil. Erosion ist Geduld.