DER SPIKE IM SPIEGEL — UND WAS WIR NICHT SEHEN
Es beginnt mit einem Spike. Ein Protein, das aus der Oberfläche des Virus ragt wie ein Dietrich aus einer Manteltasche — geformt, um genau jenen ACE-2-Rezeptor zu finden, der unsere Zellen öffnet. SARS-CoV-2, ein Betacoronavirus mit einem der größten RNA-Genome, die wir kennen, kodiert für Struktur- und nichtstrukturelle Proteine. Dieses Spike in seiner Mitte entscheidet, ob ein Antikörper neutralisiert oder ob das Virus eintritt. Wer es kartiert, kartiert die Tür. Wer die Tür kartiert, hält den Schlüssel schon in der Hand.
In Wuhan sitzt ein Labor mit der größten Sammlung von Fledermaus- und anderen Coronaviren Asiens. Ein BSL-4-Labor. Forschungen, die als „Gain-of-Function" firmieren — Viren werden an menschliche Zellen angepasst, damit wir lernen, wie sie gefährlich werden. Shi Zhengli hat Daten zu neuen Coronaviren aus südchinesischen Fledermäusen präsentiert. Keine direkten Vorfahren von SARS-CoV-2, sagt sie. Eine Aussage, kein Beweis. Im Abgrund dazwischen liegt HKU5-CoV-2, das durch Forschung an menschliche Zellen angepasst werden könnte, um eine Pandemie auszulösen.
Barics Forschung in Chapel Hill wird genau dafür kritisch betrachtet, auch im Hinblick auf Transparenz. Die US-Regierung hat EcoHealth Alliance die Finanzierung entzogen — basierend auf Anschuldigungen, die die Organisation bestreitet. Zwei Stimmen, eine Leerstelle. Ich rauche Pfeife und blättere alte Anträge.
Der weiße Kittel ist ein Kostüm, das sich gut verkauft. Dreißig Jahre haben mich eines gelehrt: Das Gefährlichste ist nicht das Virus. Es ist die plausible Geschichte, die es umgibt — wer es fand, wer es bearbeitete, wer davon profitiert, dass wir nicht genau hinsehen. Die Strukturen tragen sich selbst. Fördertöpfe fließen, Dispute werden geführt, am Ende steht ein Spike auf dem Diagramm — sauber, klein, beherrschbar.
Unklar bleibt, wer den Bauplan wirklich kennt — und wem er nützt.