Gain-of-Function: Die doppelte Gabe der Virologen
Gain-of-Function. Die Worte klingen nach Fortschritt, nach Licht am Ende des Mikroskops. In den Labors der Vereinigten Staaten wird genau das erforscht: wie Viren gefährlicher werden können. Damit man, so heißt es, besser vorbereitet sei. Dual-use nennt man diese Forschung. Forschung von doppeltem Nutzen. Und doppelter Gefahr.
Ich habe dreißig Jahre Pipetten gehalten. Ich weiß, wie eine Entdeckung aussieht, bevor sie eine Waffe wird. Gain-of-Function ist keine Theorie. Es ist ein Verfahren: Man nehme ein Virus, man verstärke seine Eigenschaften, man messe die Übertragbarkeit, man publiziere — oder man schweige. Letzteres ist selten geworden.
Die Biodefense stellt das internationale Regelwerk auf eine harte Probe. Die Normen gegen biologische und Toxinwaffen, einst von vielen Staaten unterzeichnet, kranken an einem alten Übel: dem fehlenden Kontrollmechanismus. Man hat unterschrieben. Man hat nicht verifiziert. Die Vorschläge zur Bewältigung liegen seit Jahren auf dem Tisch. Die Umsetzung, wie immer, hinkt.
Deutschland versucht hier gegenzusteuern. Das Deutsche Biosicherheitsprogramm, vertrauensbildende Maßnahmen — das klingt nach Aktenordnern in Genf. Ob es genügt, steht auf einem anderen Blatt. Die Sicherung solcher Forschung in den USA — Aufsicht, Audit, Selbstkontrolle — bleibt ein Rahmen ohne Wände.
Wer bezahlt diese Forschung? Wer profitiert, wenn ein Virus erst konstruiert und dann bekämpft wird? Die Pharmazie sagt: Wir brauchen Impfstoffe. Das Militär sagt: Wir brauchen Abwehr. Beide sagen die Wahrheit. Beide verschweigen das andere Gesicht der Medaille. Das ist die Struktur, die ich seit dreißig Jahren beobachte: ein Geschäft, in dem die Katze die Maus erforscht, um sie zu verkaufen.
Die Pfeife schmeckt nach dem alten Tabak. Die Labore mögen das nicht. Deshalb stehe ich jetzt hier und schreibe.
Was bleibt am Ende die Frage, die niemand stellen will: Wer bewacht die Wächter, wenn das Reagenzglas selbst zur Rüstungskammer wird?