Russlands Pathogen-Archipel: Die Karte, die niemand zeichnen will
Moskau schweigt nicht. Es antwortet nur in Kategorien, die niemand zählt. Die russische Forschungsinfrastruktur — ein Netz aus WHO- und OIE-Kollaborationszentren — verwaltet jene Erreger, vor denen andere Regierungen die Augen schließen: hochriskante Viren, bakterielle Pathogene, das Sortiment der großen Seuchen. Pocken sind ausgerottet, sagt man. Masern und Polio kontrolliert. Die offizielle Lesart stimmt — soweit Erfolge in Aktenordnern stimmen können.
Dreißig Jahre in Laboren haben mich eines gelehrt: Wer eine Seuche besiegt, sammelt die Werkzeuge, sie wiederzubeleben. Man verlässt diese Räume irgendwann — wegen einer Pfeife, die nicht gern gesehen wird, oder weil man zu oft gesehen hat, wie Befunde zu Waffen werden. Russland kämpfte gegen Pocken, archivierte Stämme, baute Kapazitäten. Daraus erwuchs keine bescheidene Apparatur, sondern eine Architektur: Hochsicherheitslabore der Stufen BSL-3 und BSL-4, geplant und gebaut, während andere Nationen noch über Etats streiten.
Die USA planen Ähnliches. Auch dort entstehen neue BSL-4-Einrichtungen. Man nennt es wachsendes Engagement für die Forschung mit hochriskanten Pathogenen. Wer das bezahlt, welche Verträge es tragen, welche Kanäle zwischen den Standorten verlaufen — darüber schweigen die Bulletins höflich. Die Geschichte der Biosicherheit kennt ihre Wegmarken: das erste Class-III-Biosafety-Cabinet, die Gründung der American Biological Safety Association. Beide entstanden, weil zuvor etwas schiefging. Die Institution ist stets die Antwort auf ein vorangegangenes Versagen.
Doch hier beginnt die eigentliche Untersuchung. Es existiert keine umfassende globale Datenbank für Hochsicherheitslabore. Was nicht gezählt wird, kann nicht überwacht werden. Was nicht überwacht wird, kann nicht reguliert werden. Das Bulletin, das diese Karte zeichnen will, gibt es selbst zu: Es fehle an Adressen, an Standorten, an einer vollständigen Geographie der gefährlichsten Räume der Welt. Politikempfehlungen auf solcher Grundlage gleichen dem Kartenzeichnen im Nebel.
Die internationale Zusammenarbeit mit Ländern, die bereits BSL-3/4-Labore betreiben oder planen, sei entscheidend, heißt es. Entscheidend wofür — für die Untersuchung, oder für die Verteilung des Wissens, wer wo welche Erreger hält?
Wer führt über die Standorte der russischen Zentren tatsächlich Buch — und warum zertifiziert eine Weltgesundheitsorganisation eine Infrastruktur, die sie selbst nicht vollständig überblickt?