Das Etikett 'Extremist' und die Architektur des Schweigens
Ich habe Protokolle gelesen, in denen "Pressefreiheit" stand, daneben die Gesichter der Unterzeichner. Sie lächelten. Sie lächeln immer, wenn sie etwas begraben.
Heute wird "Extremist" zu einem solchen Lächeln. Ein Etikett, so biegsam wie Gummi, so präzise wie ein Skalpell — Journalisten umgehängt wie ein Schild um den Hals eines Angeklagten, der nie vor Gericht stehen wird.
Die Mechanik ist alt. In Russland werden Medienschaffende verhaftet, nicht weil sie Bomben legen, sondern weil sie Sätze schreiben. Die Festnahmen sind Architektur — Teil einer Strategie zur Einschränkung der Pressefreiheit, die sich am Krieg in der Ukraine entzündet hat wie ein Streichholz an einem bereits getränkten Docht.
Was die Welt nicht sehen soll, wird nicht nur zensiert, sondern physisch zerstört. Russische Streitkräfte zielen gezielt auf Medieninfrastruktur — Sendemasten, Redaktionsgebäude, Kabel, durch die Wahrheit fließt. Wer den Stecker zieht, muss nicht lügen. Er muss nur schweigen.
Über 12.000 Journalistinnen und Journalisten berichten aus der Ukraine unter Lebensgefahr. Zwölftausend. Die Zahl sollte man dreimal lesen. Die häufigste Meldung, die sie erreicht, betrifft keine Verleumdungsklage, keine Steuernachforderung — sie betrifft Angriffe auf ihre körperliche Sicherheit. Drohnen. Granatsplitter. Tod.
Die Liste der Länder mit den meisten Meldungen liest sich wie eine Landkarte der Druckräume dieser Gegenwart: Russland, die Türkei, Georgien, Serbien, die Ukraine. Viele dieser Meldungen tragen russische Handschrift.
Und doch — und hier wird die Sache interessant, hier wird sie beinahe schön — hat sich die ukrainische Medienlandschaft gehalten. Vier Jahre gezielter Angriffe auf Medienschaffende, vier Jahre Bomben auf Studios — und die Ukraine hat ihre Position in der Pressefreiheitsrangliste verbessert. Man kann ein Volk einschüchtern. Man kann es nicht zum Schweigen bringen, wenn Schweigen teurer wird als Reden.
Wem also nützt das Etikett? Wer profitiert, wenn Journalisten zu Extremisten erklärt werden? Die Antwort steht nicht in den Protokollen. Sie steht in den Ruinen der Redaktionshäuser. Unklar bleibt, welche Namen als nächstes auf den Listen stehen, welche Verfahren bereits laufen — aber die Mechanik ist erkennbar. Sie war es immer.
Ich trage Handschuhe beim Schreiben. Nicht aus Hygiene.