Börse 1937
Terminal Tribune

4. August 2026

Dossier · Krisen & Konflikte

BODENTRUPEN, ÖL, WAHLEN — WER ZIEHT DIE FÄDEN?

4. August 2026 — Morrison, over and out.

Es riecht nach Kordit und Druckerschwärze, und beides ist in dieser Redaktion seltene Gesellschaft. Die Zeile, die heute Morgen auf meinem Schreibtisch landet, kommt nicht aus Washington, nicht aus Teheran, sondern aus dem Mund eines Mannes, der ins Mikrofon flüstert, er habe „freie Eintrittskarten in die Hölle" für amerikanische Soldaten. Ali Abdollahi. Chef des zentralen Militärkommandos Khatam al-Anbiya. Der Mann, der für die IRGC die Drähte hält.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Ich schlucke meinen Kaffee. Er ist kalt. Gestern war er es noch nicht.

Die Lage, nüchtern aufgeschrieben: Der Iran hat in den vergangenen Wochen tödliche Angriffe auf amerikanische Soldaten verübt — zwei in Jordanien, einer im Irak. Die Vereinigten Staaten fliegen seit mindestens neun Nächten Angriffe auf iranische Ziele. Was im Visier ist, hat sich verschoben. Nicht mehr nur Raketenstellungen, nicht mehr nur das Atomprogramm. Jetzt sind es Luftabwehr, Kommandozentralen, Küstenüberwachung, Kommunikationsnetze, Häfen, maritime Fähigkeiten, Logistikinfrastruktur. Das US-Zentralkommando hat am Freitag iranische Kommandozentren, Kommunikationsnetze, Drohnenlager, Küstenüberwachung und maritime Fähigkeiten angegriffen. Der US-Energieminister Chris Wright hat am 19. Juli öffentlich klargemacht, worum es in Wahrheit geht: die Straße von Hormus. Das Öl, meine Damen und Herren. Immer das Öl.

Und während die Flugzeuge ihre Arbeit tun, kündigt Donald Trump „schwere militärische Bestrafung" für Teheran und seine Huthi-Verbündeten an. Bodentruppen? Nicht ausgeschlossen. Sein Verteidigungsminister Pete Hegseth versüßt das mit der Versicherung, es sei kein „Regimewechselkrieg". Außenminister Marco Rubio wiederspricht andeutungsweise: man brauche die Soldaten am Boden vielleicht gar nicht. Ein Kabinett, das sich nicht einig ist, ob die eigenen Füße in den Schlamm sollen — das ist, mit Verlaub, entweder Strategie oder Barbarei. Zu beiden Sorten habe ich bereits Artikel geschrieben.

Zur gleichen Stunde, da Wangen rot werden und Ölkonzerne ihre Buchhalter aufwecken, sperren die Huthi — Irans verlängerter Arm, Irans Werkzeug, nennen wir das Kind beim Namen — die Meerenge Bab al-Mandab. Ein See-Embargo gegen Saudi-Arabien. Die Begründung: zwölf Jahre „ungerechte Belagerung". Schöne Worte für eine Schraubzwinge um den Ölhals. Riad exportiert fortan nur noch durch Pipelines. Der Ölpreis, der sich gerade wieder gefangen hatte, klettert. Wieder. Wie auf Bestellung.

Zwei Meerengen, die zugleich zugehen. Zufall? Ich bin Journalist. Ich glaube nicht an Zufälle, ich glaube an Zeitungen, die sie erklären.

Im Juni — sagt man uns — wurde ein Abkommen unterzeichnet. Ziel: dauerhafte Beendigung der Kämpfe. Das Abkommen ist vom Tisch. Die New York Times will erfahren haben, Teheran habe einen von Bagdad übermittelten US-Deal abgelehnt, weil die Kontrolle der Straße von Hormus ungeklärt blieb. Teheran nennt den Bericht „völlig irreführend". Bagdad ebenfalls. Drei Hauptstädte, die nicht dieselbe Geschichte erzählen. Wer hat hier gelogen, wer geschwiegen, wer verhandelt — und für wen?

Die iranische Vergeltung trifft Stützpunkte in Bahrain, Jordanien, Kuwait, im Irak. Die IRGC warnt Zivilisten, sich von amerikanischem Personal fernzuhalten. Die IDF — die israelische Armee — hat eine Evakuierungsanordnung für Teheran herausgegeben. Vor den Angriffen. Hauptstadt eines Landes, dem man „kein Regimewechsel" antun will, dessen Kommandozentralen man aber dem Boden gleichmacht. Das ist Krieg. Das ist Krieg. Alles andere ist Vokabular.

Die Rechnung, die kaum einer stellt: Der Krieg, gestartet am 28. Februar, sollte nach Trumps eigenem Versprechen in vier Wochen vorbei sein. Wir schreiben Juli. Die Republikaner stehen vor den Midterm Elections im November. Was wäre ein besserer Wahlkampf-Motor als ein „endloser Krieg", den jeder Senator erklären muss? Was wäre ein besserer Sparringspartner für die Börsen als ein Ölpreis, der sich im Krisenmodus wohlfühlt? Welche Rüstungskonzerne, welche privaten Militärfirmen füllen gerade ihre Auftragsbücher?

Trump sagt, er habe mit Xi Jinping und Wladimir Putin gesprochen. Beide hätten versichert, keine Waffen an Iran zu liefern. „Wenn sie es täten, wäre das sehr schlecht für sie." Eine Drohung, die nach Wahrheit klingt. Peking und Moskau schweigen bisher. Wer schweigt, plauscht nicht. Wer plauscht, hat verhandelt. Wer verhandelt, hat Lieferungen — oder das Versprechen, sie zu unterlassen — bereits auf dem Tisch.

Was bleibt als bewiesene Tatsache? Die Zielliste wächst. Die Bodentruppen werden nicht ausgeschlossen, sie werden geprüft. Zwei Meerengen sind de facto blockiert. Das Juni-Abkommen existiert nicht mehr. Die iranische Vergeltung trifft alliierte Stützpunkte in der Region. Die Huthi-Miliz presst Saudi-Arabien in die Knie. Der Ölpreis klettert. Die Midterms kommen.

Was bleibt unbewiesen? Wer in Washington wirklich auf den Knopf für die Bodentruppen drückt. Welche Öl- und Rüstungsinteressen die Erweiterung der Ziele vorgegeben haben. Ob Xi und Putin dasselbe Trump erzählt haben, was Trump uns erzählt. Ob die Verweigerung des Abkommens aus Teheran kam oder ob man es in Washington hat sterben lassen, weil Frieden im Juli nicht in die November-Rechnung passt.

Evelyn singt unten im Café. Es klingt traurig. Passt.

Die wahre Gefahr liegt nicht in der Entscheidung, die getroffen wird. Sie liegt in der Entscheidung, die offen bleibt. Solange niemand — weder in Washington noch in Teheran, weder in Peking noch in Riad — verbindlich sagt, was ein Ende aussehen soll, wird jedes weitere Ereignis zur Eskalation. Jede Rakete, die startet, jede Pipeline, die zittert, jede Wahlurne, die wartet.

Die Soldaten, die in den Tod geschickt werden, wählen nicht. Die Käufer an der Zapfsäule auch nicht. Und die Manager, die an beiden Enden verdienen, schweigen.

❖ Ende des Artikels ❖

Erwähnt in diesen Akten

Aus diesem Ressort