FÜNFZIGTAUSEND MIKROFONE FÜR EINEN THRON
Der Regen trommelt auf die Markise vom Café unten. Evelyn singt etwas Französisches, das ich nicht verstehe. Die Schreibmaschine stottert ihren nächsten Absatz, und ich sitze hier mit Bourbon und dem Gefühl, dass die Geschichte, die ich gleich tippe, nach Schießpulver riecht — nicht nach dem Pulver von 1914 oder 1917, sondern nach dem feineren Staub, den Geheimdienste hinterlassen, wenn sie ein Land von innen aushöhlen.
Marokko hört mit. Nicht mehr nur in den Salons der Macht, nicht mehr nur in den Flüsterkorridoren des Königspalastes — nein, in den Hosentaschen von fünfzigtausend Menschen. Pegasus, das israelische Werkzeug, dessen Name klingt wie ein Sportwagen aus Detroit, ist zurück auf der Straße. Diesmal reitet es durch Rabat.
Ein Mann namens Safir, Ex-Offizier der marokkanischen Geheimdienste, hat das getan, was Ehemalige selten tun: geredet. Bei einem Treffen irgendwo in Europa — der Ort bleibt geheim, sagen die Quellen, was übersetzt bedeutet: der Ort würde uns mehr verraten, als uns lieb ist — nannte er eine Telefonnummer. Eine einzige Nummer, um zu beweisen, dass seine Worte kein Rauch sind. Wer bietet schon seine eigene Tarnung auf, um einem Reporter eine Nummer zu soufflieren?
Man muss den Mann fragen. Was treibt einen Safir? Das Wort bedeutet im Arabischen so viel wie Gesandter oder Reisegefährte — und in diesem Fall vielleicht auch jemand, der selbst abgeschoben wurde, der eine Rechnung offen hat mit dem Palast, der nach Gold oder nach Vergeltung sucht. Die offizielle Geschichte schmeckt nach Erlösung. Aber ich habe in zwanzig Jahren gelernt: Wer auspackt, hat meistens zwei Koffer im Schrank. Einen mit Wahrheit, einen mit Kalkül. Welcher ist schwerer — und wer hat ihn bezahlt?
Marokkos Regierung hat 2021 noch gelogen. Sie habe Pegasus nicht benutzt, hieß es aus Rabat, mit der steifen Würde eines Königshauses, das seine Kritiker am liebsten in der Wüste verdunsten lässt. Nun sagt ein Insider: doch, haben sie. Und nicht nur ein bisschen. Journalisten, Menschenrechtler, französische Politiker, spanische Kabinettsminister, Polizeichefs. Man nehme die Nachbarländer, die Kritiker, die Konkurrenten — fertig ist die Liste derer, die der König hören will.
Fünfzigtausend Nummern, heißt es. Fünfzigtausend Telefone, fünfzigtausend Mikrofone, die nachts eingeschaltet bleiben. Das ist keine Überwachung mehr. Das ist die Übersetzung des Staates in seine eigene Paranoia. Wenn jeder Bürger zum potenziellen Verräter wird, dann ist der Verrat nur eine Frage der Zeit. Und der König hört alles, weil er niemandem mehr traut, nicht einmal denen, die er bezahlt.
Da ist die andere Seite der Geschichte. Shalev Hulio, Mitgründer der NSO Group, jener Firma, die Pegasus baut und verkauft wie einst Detroit seine Limousinen — an jeden, der bar zahlt und keine Fragen stellt — reiste 2013 mit einem israelischen Diplomatenpass nach Panama. Ein Diplomatenpass. Für den Mann, dessen Software die Welt aufschreckt. Wer braucht einen Diplomatenpass, wenn er nur Geschäfte macht? Wenn nicht der Kunde ein Problem ist, dann der Lieferant. Israelische Geheimdienst-DNA in jedem Stück Code, der über die Drähte rauscht? Kein Gericht hat diese Frage je gestellt.
Was hier geschieht, ist die unsichtbare Architektur eines neuen Imperiums. Nicht das der Legionen oder der Kreuzritter — das der Algorithmen. Rabat kauft das Werkzeug, Jerusalem liefert es, und das Parlament in Straßburg schaut betreten auf die Schuhe. Fünfzigtausend Menschen — wie viele davon Marokkaner? Wie viele Franzosen? Wie viele Spanier? Wir wissen es nicht. Wir werden es vielleicht nie wissen. Denn die Liste ist das Geheimnis, und das Geheimnis ist die Waffe.
Die bürgerlichen Freiheiten in Marokko sind längst auf dem Operationstisch. Was Safir auch immer antreibt — Rache, Geld, ein aufgesetztes Gewissen, das im Alter erwacht — die Geschichte, die er erzählt, ist eine über Machtverlust. Nicht seinen. Unseren. Denn wenn ein Königreich seine eigenen Bürger, seine Nachbarn und die Politiker halb Europas abhört, dann ist der Souverän nicht länger der Thron. Der Souverän ist die Datenbank.
Die Römer hatten ihre Spitzel in jeder Provinz. Wir haben sie heute in jeder Hosentasche. Der Unterschied ist nur, dass die Römer es noch zugaben.
Evelyn singt jetzt lauter. Der Bourbon ist warm. Und ich frage mich, wer morgen früh die Liste liest — und wer längst schon auf ihr steht.
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