Guter Glaube, dreifach gebrochen — das Doha-Theater
Die Verhandlungstische in Katar sind verlassen. Das weiß jeder, der die Meldung der Stunde liest: Die Vereinigten Staaten haben die Gaza-Waffenstillstandsgespräche abgebrochen, ihre Unterhändler aus Doha zurückbeordert. Steve Witkoff, der Mann, den Washington schickt, wenn Washington etwas Wichtiges sagen will, sprach von mangelnder Bereitschaft. Von fehlendem „good faith". Vom mangelnden Wunsch nach einer Waffenruhe.
Das ist die Schlagzeile. Und die Schlagzeile, das wissen wir Veteranen des Zeitungshandwerks, ist nie die halbe Miete. Sie ist bestenfalls das Türschild zu einem Haus, in dem es nach Tabak und altem Vertragspapier riecht.
Was riecht hier?
Drei Quellen, drei Versionen. Hören wir genau hin.
Quelle A — das ist die amerikanische Lesart, wie sie aus den Korridoren Washingtons nach außen dringt — behauptet, Hamas habe einer Entwaffnung zugestimmt. Verhandlungsfortschritt. Bewegung. Eine Geste des guten Willens, die belohnt werden müsste. Mit Vergebung, mit Geld, mit Waffenstillstand.
Quelle B — und hier beginnt das Theater, das unter der Bühne seine wahre Form zeigt — sagt das Gegenteil. Israel, so heißt es aus dem gleichen Verhandlungskorridor, werde sich nicht zurückziehen. Israel seinerseits wirft Hamas vor, es fehle an gutem Glauben. Damit ist das amerikanische Lob der Hamas-Entwaffnungsbereitschaft eine Fiktion — oder es ist eine Fiktion, dass Israel sich bewegen wird. Beides kann nicht gleichzeitig wahr sein. Etwas ist faul im Staate Doha.
Und dann, mittendrin, der Satz, der mich am Schreibtisch aufhorchen ließ. Ein israelischer Minister — Name bleibt im Dunkel, weil die Akte dünn ist und ich keinen Faktenfinder vor der Schulter sitzen habe — nennt das Abkommen, wie es auf dem Tisch liegt, „gleichbedeutend damit, Hamas die Organisation des nächsten Massakers zu erlauben". Wörtlich. Das steht nicht in einer Propaganda-Zeitung aus Kairo. Das steht in der israelischen Debatte selbst. Einer der ihren sagt laut, was die anderen flüstern: Dieser Deal, in welcher Form auch immer er gerade verhandelt wird, ist für sie kein Friedensplan. Es ist die Vorbereitung des nächsten Schlachtens.
Während in Doha die Stühle gerückt werden, sitzen in Bethlehem drei Palästinenser in israelischer Haft. Drei. Keine Namen, kein Aufsehen, keine Schlagzeile. Nur die Maschine, die weiterläuft, während die Diplomatie ihre Kapriolen schlägt. Wer kontrolliert Bethlehem, während über Bethlehem verhandelt wird? Wer füllt die Zellen, während die Befreier sich streiten?
Was ich sehe, Ladies und Gentlemen, ist ein dreifach gebrochener Pakt. Amerika bricht die Gespräche ab und beschuldigt Hamas. Israel beschuldigt Hamas ebenfalls und macht keine Anstalten, sich zu bewegen. Hamas, so hören wir, soll zur Entwaffnung bereit sein — aber sagt uns jemand, wer das verifiziert hat? Welcher Beobachter saß am Tisch? Welches Protokoll liegt vor? Welche Übersetzung, welcher Dolmetscher, welche dritte Hand hat das Wort so gedreht, dass es in Washington als Bewegung und in Jerusalem als Hohn gelesen wird?
Die offenen Fragen, hören Sie genau hin, sind die eigentlichen Akteure dieses Dramas:
Wer in Washington hat entschieden, dass eine Teileinsicht der Hamas in die Entwaffnungsfrage nicht „good faith" genug ist? Welche Schwelle, welche Zahl, welcher Hintergedanke stand in der Kabinettsvorlage, die wir nicht zu sehen bekommen?
Welche israelische Stimme, die wir hören, ist überhaupt verhandlungsfähig — und welche spricht nur für die Galerie der Heimatfront, in der das Wort „Massaker" neuerdings wieder zum Inventar gehört?
Was geschieht in Doha, wenn die Kameras aus sind und die Mikrofone schweigen?
Und die Frage, die niemand stellt, weil sie zu unbequem ist: Cui bono? Wem nützt der Abbruch? Wem nützt das Patt? Wem nützt ein Gaza, das weiter brennt, während alle Beteiligten beteuern, sie wollten den Brand löschen?
Evelyn singt unten im Café. Eine alte Platte, irgendwas Sentimentales. Die Nadel im Schluss, das Kratzen, das immer lauter wird, je länger die Musik zu Ende geht. Genau so klingt das hier.
Die Wahrheit ist: Wir haben drei Meldungen, drei Versionen, und keine einzige ist von einem unabhängigen Auge bestätigt. Quelle A sagt Entwaffnung. Quelle B sagt Stillstand. Und mittendrin ein Minister, der das Wort „Massaker" in den Mund nimmt, als wäre es eine Verhandlungsposition. Quelle A lobt den guten Glauben. Quelle B kündigt ihn auf. Die USA werfen Hamas mangelnden guten Glauben vor. Israel tut es auch. Und Hamas, das einzige Subjekt dieses Satzes, hören wir nicht.
Wer hier lügt, weiß ich nicht. Wer hier verschweigt, weiß ich auch nicht. Aber dass hier gelogen und verschwiegen wird, das steht in jedem Telegrammdraht zwischen Washington, Tel Aviv und Gaza-City geschrieben, sobald man die Höflichkeiten der Pressekonferenzen wegkratzt.
Wer also tatsächlich an Frieden glaubt, der schaue nicht auf die Statements. Der schaue auf die Zellen in Bethlehem. Der schaue auf die verschwundenen Unterhändler aus Doha. Der frage sich, warum drei Hauptstädte dasselbe Wort benutzen — „good faith" — und drei völlig verschiedene Dinge damit meinen.
Die Republik des guten Glaubens, Ladies und Gentlemen, hat drei Hauptstädte und keine Verfassung.
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