HORMUZ: WO DIPLOMATIE AUF ATOMWAFFEN TRIFFT
Rauch hängt über der Redaktion. Bourbon steht in der Schublade, wo er hingehört. Aus dem Café unter uns kommt Evelyns Stimme, schmal, fast traurig. Es ist still. Zu still für einen Tag, an dem die Karten offenbar neu gemischt werden.
In Maskat hat Oman dieser Tage mit Vertretern Irans über die Verkehrslenkung in der Meerenge von Hormuz gesprochen. Verkehrslenkung. Das klingt nach Hafenpolizei, nach Lotsen, nach Ampeln auf dem Wasser. Das ist es, was die Diplomatie uns auftischt, während die See brennt.
In Washington sagt Donald Trump, Iran rede mit den Vereinigten Staaten, und Iran könne keine Atomwaffe haben. Beides im selben Satz, beides mit der Überzeugung eines Mannes, der glaubt, die Welt höre ihm zu, wenn er nur laut genug spricht. Trump lächelt, wenn er das sagt. Das Lächeln ist amerikanisches Eigentum, gezüchtet in Talkshows, geerntet auf Wahlkampfbühnen.
Aber.
US-Geheimdienstlage sagt etwas anderes. Sie sagt: Irans neuer Führer – nach dem mehrtägigen Begräbnis von Ayatollah Khamenei, das Millionen auf die Straßen Teherans trieb und das Land zwischen Trauer und offenem Trotz vibrieren ließ –, dieser neue Führer ist offener für die Verfolgung einer nuklearen Waffe. Thermonuklear, falls die Geste zählt. Der Nachrichtendienst schreibt das nicht in Schlagzeilen. Er schreibt es in Einschätzungen, die durch sieben Hände gehen, bevor sie auf einem Schreibtisch landen, wo sie niemanden mehr stören sollen.
Die Frage ist nicht, wer lügt. Die Frage ist, wer lügt wem ins Gesicht.
Amerikanische Angriffe – so nennt man das, was Bomben anrichten – haben iranische Streitkräfte geschwächt. Zweihundertfünfzig Jets zerstört. Hundertneunundfünfzig Boote. Das liest sich wie die Inventarliste einer Firma, die schließt. Es liest sich nicht wie ein Sieg. Es liest sich wie eine Rechnung, die jemand ohne Wechselgeld bezahlt hat.
Iran ist militärisch geschwächt. Aber nicht politisch. Und genau hier beginnt die Rechnung, die keiner vorzeigen will.
Denn Iran redet. Iran redet über Hormuz, über Schiffsleitsysteme, über das schmale Stück Wasser, durch das ein Fünftel der Weltöldörderung fließt. Aber während es redet, hat die Islamische Revolutionsgarde – oder das, was davon übrig ist – im Geiste diese Meerenge längst geschlossen. Sie spricht von weiteren Angriffen auf Tanker, von Sperren, von einem Persischen Golf, der niemandem mehr gehört außer denen, die ihn mit Tränen füllen.
Die Diskrepanz ist der eigentliche Skandal.
Trump sagt: Iran spricht mit uns. Iran darf keine Atomwaffe haben. Die Geheimdienste sagen: Iran redet, ja. Aber die iranische Strategie zielt gerade jetzt, nach den Trauermärschen, nach den Geschwistern und Vätern, die unter dem israelisch-amerikanischen Bombardement starben, sie zielt auf die Option, die vorher unaussprechlich war.
Man darf das nicht laut sagen. Man darf es nicht in der Zeitung drucken. Man darf es höchstens im Flüsterton einem Reporter anvertrauen, der nach Bourbon riecht und zwanzig Jahre zu spät auf jede Konferenz kommt.
Aber ich sage es trotzdem. Hier. Schwarz auf Weiß.
Was passiert, wenn Oman vermittelt, Trump lächelt und Iran in den Hinterzimmern an einer thermonuklearen Option arbeitet, die kein Embargo fassen kann? Was passiert, wenn die strategisch unnachgiebige Haltung am Hormuz genau dann zur Schraube wird, wenn die militärische Schwäche den Deckel weniger fest drücken lässt? Und – fragen wir uns, weil wir Reporter sind und für genau diese Art Fragen bezahlt werden – was passiert mit Saudi-Arabien?
Riad sitzt am anderen Ufer. Die Saudis haben über Jahrzehnte ihre eigene Schwelle im Blick behalten. Sie haben Pakistan beobachtet. Sie haben sich an Amerika gelehnt. Wenn Iran sich der Schwelle nähert, ist es eine Frage der Stunden, nicht der Wochen, bis Riad eigene Wege geht. Eigene Ultimaten. Eigene Antworten, falls jemand aufmuckt.
Wer profitiert? Wer verschweigt was?
Ich sage: Die, die von „Verhandlungen" reden, profitieren vom Bild. Das Bild zeigt Mühen, Dialog, erwachsene Staatskunst. Es zeigt nicht, dass unter dem Bild – unter den Pressekonferenzen, den höflichen Blicken, den Handschlagfotos – ein Sarg vorbereitet wird. Nicht der von Khamenei. Der Sarg für die nächste Runde.
Die Struktur ist uralt. Römer, Habsburger, die Mächte vor dem Großen Krieg – immer dasselbe Muster. Man spricht über Verkehrslenkung in einer Meerenge, während man im Tresor die Pläne für die nächste Eskalation signiert. Man lächelt in die Kameras, während in den Hinterzimmern Zahlen fallen, die kein Journalist vorhalten darf.
Unklar bleibt – und das muss so sein in einem Geschäft, das von Verschleierung lebt – unklar bleibt, wer in Washington tatsächlich glaubt, was Trump sagt. Wer in den Schattenkabinetten die Stunde abpasst. Wer in Riad ein Netz strickt, an dem keine Diplomatie vorbeikommt.
Fest steht: Die Geheimdienstlage ist das eine. Das Reden ist das andere. Und zwischen diesen beiden Wahrheiten steht ein Mann, der Ihnen erklärt, alles sei unter Kontrolle.
Es ist nicht unter Kontrolle.
Es riecht nach Regen und nach etwas, das noch nicht brennt, aber bald brennen wird. Evelyn singt jetzt leiser, fast mechanisch. Es passt zum Takt der Mechanik, die wir nicht sehen.
Ich gehe jetzt raus. In eine Welt, die glaubt, sie werde gerettet, während jemand anderes die Thermonuklearschwelle ins Laufen bringt.
Ich melde mich, wenn ich wieder da bin. Oder wenn es zu spät ist.
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