Börse 1937
Terminal Tribune

5. August 2026

Dossier · Krisen & Konflikte

von Südlibanon bleibt, wenn 700 Tonnen verstummen

5. August 2026 — Morrison, over and out.

Die Tinte ist noch feucht auf dem Papier, der Bourbon steht kalt neben der Maschine, und Evelyn unten singt etwas, das nach Abschied klingt. Eine gute Nacht für Nachrichten, die keiner hören will.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Siebenhundert Tonnen Sprengstoff. Ich schreibe es noch einmal in Worten, weil mir die Zahl nicht in den Kopf will: siebenhunderttausend Kilogramm. Soviel wiegt ein kleiner Frachter. Soviel passt in drei Güterzüge. Soviel hat die israelische Armee in dieser Woche unter Südlibanon in die Erde gejagt — offiziell, um die Tunnel der Hisbollah zu zerstören, jene unterirdischen Gänge, von denen aus Kämpfer die galiläischen Gemeinden hätten überfallen sollen.

Man hört die Detonationen über das ganze Südlibanon. Man sieht sie nicht. Das ist das Erste, was mir an dieser Geschichte nicht passt.

Denn siebenhundert Tonnen sind kein chirurgischer Schnitt. Das ist das Gewicht einer kleinen Stadt, das in den Kalkstein gestampft wird, durch meterdicke Decken, durch Wohnviertel, durch Höhlen, durch Häuser. Bei Tyre — Tyre, sage ich, der Name der Phönizier, der Name der Römer, der Name jeder zerbrochenen Zivilisation dieses Streifens Erde — haben israelische Truppen über Nacht „gewaltsame Explosionen" ausgelöst und Höfen und Häuser dem Boden gleichgemacht.

Zerstörung. Vollständige Zerstörung, sagen die offiziellen Stellen. Mehrfach, aus verschiedenen Quellen. Die Tunnel seien zerstört, die Waffen beseitigt, die Gefahr gebannt. Magazin, sagst du. Propaganda, sag ich.

Schauen wir nach, was tatsächlich in diesen Tunneln war — denn darüber gibt es Belege, und zwar nicht von den Sprechern, sondern von Soldaten, die unten waren und wieder hochgekommen sind. Unter einer Burg im Südlibanon, jahrzehntelang eine Hisbollah-Hochburg, fanden sie Waffenlager, Kommunikationsräume, in denen israelische Truppenbewegungen ausspioniert wurden, fertige Verpflegungspakete, Batterien, Matratzen. Vom Beaufort-Rücken aus sind in dieser Runde des Konflikts mehr als vierhundert Raketen auf Nordisrael abgefeuert worden — auf Metula und die Grenzstädte. Drohnen, Panzerabwehrraketen. Alles aus diesen Gängen.

Ja, da war etwas. Da war viel. Die Tunnel waren kein Hirngespinst irgendeines Hauptmanns, der einen Orden will. Ich bin kein Freund der Hisbollah, ich bin Reporter, und ich sage: da war Munition, da waren Pläne, da war ein Krieg.

Aber — und hier beginnt die Rechnung, die niemand vorlegt — siebenhundert Tonnen sind nicht das Werk eines Präzisionsmessers. Sie sind das Werk eines Vorschlaghammers. Wenn die israelische Armee in den Bergen bei Tyre Höhlen und Häuser dem Erdboden gleichmacht, wenn sie über Nacht ganze Stadtteile in die Luft jagt, dann fragt man sich, sofern noch ein Rest Berufsethik im Blut ist: wo sind die Bewohner dieser Häuser? Wo sind die Familien, die in den Dörfern wohnten, durch deren Fundament jetzt ein Krater geht?

Die Hisbollah hat geplant, galiläische Gemeinden zu überfallen. Das ist die offizielle Begründung. Man zeigt Fotos von Waffen, von Betten, von Kabeln. Aber man zeigt keine Liste der Zivilisten, die in der Umgebung der Sprengungen lebten. Man zeigt keine Zahlen. Man zeigt keine Namen. Man sagt: vollständig zerstört — und meint damit offenbar die Tunnel. Aber vollständig in welchem Umkreis? Drei Meter? Dreißig? Dreihundert?

Ich erinnere an den letzten Krieg, ich erinnere an den Krieg davor, ich erinnere an die Römer, die in genau diesen Kalkstein ihre Belagerungstürme schoben. Die Frage war immer dieselbe, und die Antwort war immer dieselbe, und die Akte wurde immer geschlossen: wer liegt unter dem Schutt?

Die Sprengstoffmenge — siebenhundert Tonnen — ist eine Zahl, die nicht in eine Pressemitteilung passt. Sie passt in einen Krieg. Sie passt in eine Logik, in der die Botschaft wichtiger wird als die Methode. Vollständige Zerstörung, sagt Jerusalem. Und Südlibanon zittert, und die Erde bebt noch tagelang, und die ausländischen Korrespondenten schreiben, was die Pressestelle diktiert.

Ich schreibe das hier nicht, weil ich der Hisbollah eine Träne nachweine. Ich schreibe das, weil eine Meldung, die mit dem Wort „vollständig" arbeitet, immer auch das Wort „unklar" tragen muss. Was bleibt zurück, wenn siebenhunderttausend Kilogramm losgehen? Krater. Asche. Vermisste. Akten, in denen später stehen wird: „zivile Opfer — Prüfung läuft". Prüfung läuft seit Jahren. Prüfung läuft, bis die Krater zu Bauland geworden sind.

Unklar bleibt, wer in den Häusern bei Tyre schlief, als die „gewaltsamen Explosionen" kamen. Unklar bleibt, welche zivilen Opfer die vollständige Zerstörung der Tunnel tatsächlich gefordert hat. Unklar bleibt, ob die Waffenlager, die man gefunden hat, das Ausmaß rechtfertigen, in dem nun der Untergrund eines ganzen Landstrichs umgepflügt wird. Unklar bleibt, wem die Logik nützt, dass eine Bombe mehr wiegt als eine Untersuchung.

Evelyn singt jetzt lauter. Vielleicht singt sie für die, die unter dem Kalkstein von Tyre keine Akte mehr kriegen werden. Vielleicht singt sie für die, die ich nie namentlich schreiben kann, weil sie nie gezählt wurden.

Morgen früh meldet Jerusalem: vollständig zerstört. Und Südlibanon schweigt. Und die Welt schaut weg, wie sie immer wegschaut, wenn die Sprache der Explosionen lauter ist als die Sprache der Pressekonferenz.

Was bleibt von einem Landstrich, wenn siebenhundert Tonnen Sprengstoff verstummen? Ich sage es Ihnen morgen, wenn die Erde aufgehört hat zu beben, wenn die Krater sich mit Regen füllen, wenn die Listen geschlossen sind.

❖ Ende des Artikels ❖

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