VsAfghanWoman: Wie die Maschine das Leiden verkauft
Es fängt an wie tausend Trends davor. Eine Frau nimmt ein Selfie auf, schreibt einen Satz darüber, wie gut es ihr geht, und hasht es mit dem Namen einer Frau, die unter den Taliban keine Erlaubnis hat, ein Selfie zu machen. Das Foto daneben zeigt die Burka, das Foto davor das eigene Dekolleté. Der Algorithmus sieht emotionalen Kontrast. Der Algorithmus drückt auf den Knopf. Sechs Millionen Aufrufe.
Unterdrückung als Content. Unterdrückung als Kuratorenposten auf der eigenen Timeline. Unterdrückung als Währung im Kampf um Reichweite.
Die Faktenlage ist dünn, und genau das ist der erste Skandal. watson.ch schreibt, die Größe des Trends sei „schwer einzuschätzen". ORF zitiert Nutzerinnen, die Bilder ihres eigenen Lebens veröffentlichen und es mit dem Schicksal afghanischer Frauen kontrastieren. TikTok verkauft das Ganze inzwischen als entdeckbares Format — mit eigener Discover-Seite, kuratiert, suchmaschinenoptimiert, plattformgerecht aufbereitet. Seit fast fünf Jahren herrschen die islamistischen Taliban wieder. Seit fast fünf Jahren werden die Rechte von Frauen und Mädchen mit Gesetzen und Erlassen zerrieben. Und seit fast fünf Jahren sucht die westliche Internetöffentlichkeit nach einem Weg, das Leiden in einen klickbaren Moment zu übersetzen.
Fragt man nach der Zahl, wird es still. Wie viele Beiträge? Welche Reichweite? Welche Länder? Welche Erlöse? Unklar bleibt, wer die Erhebung überhaupt betreibt. Die Plattformen nennen keine Zahlen. NGOs zitieren Hochrechnungen, die mit dem nächsten Algorithmus-Update Makulatur werden. Was bleibt, ist das Gefühl, dass da etwas wächst, ohne dass jemand Buch führt.
Und hier beginnt die Frage, die niemand stellt, weil sie das Geschäftsmodell beleidigt: Wem nützt das?
Nicht den afghanischen Frauen. Sie posten nicht. Sie sind das Material. Sie sind das Andere, gegen das das eigene Leben sich so wunderbar abhebt — die Burka, vor der die eigene Bluse so fortschrittlich wirkt. Sie sind die Kulisse, der Kontrast, der Algorithmus-Booster. Eine Art bezugslose Vergleichsgröße, gemessen an Likes.
Nicht den Taliban. Die brauchen den Westen nicht, um ihre Erlasse zu lesen. Sie lesen sie selbst, und sie werden sie nicht ändern, weil eine Frau irgendwo in Europa ein Foto hochlädt.
Den Plattformen. Hier verdichtet sich das Geschäft. TikTok hat eine Discover-Seite eingerichtet. Die Maschine sortiert, kuratiert, priorisiert. „Burka vs. Bikini" ist keine Meinungsäußerung mehr, sondern ein Slot — eine Kategorie, in die Werbung geschoben werden kann, sobald der Klickstrom stark genug fließt. Die Reichweite wird zum Produkt. Der emotionale Kontrast wird zum Hebel. Das Mitleid wird zur Zielgruppe.
Den Posterinnen und Postern selbst. Jede Bühne braucht ein Publikum, das sich selbst auf der Bühne sieht. Wer postet, gewinnt Aufmerksamkeit, gewinnt eine kleine Währung aus Anerkennung, gewinnt das gute Gefühl, „etwas getan zu haben". Wer teilnimmt, bestätigt die Mechanik. Wer teilt, füttert sie. Wer widerspricht, füttert sie auch — denn Widerspruch erzeugt Reichweite, Reichweite erzeugt Werbeerlöse, Werbeerlöse erzeugen mehr Widerspruch.
So funktioniert das System. Es funktioniert, ohne dass jemand böse sein muss. Es funktioniert, weil die Mechanik neutral ist.
Und genau deshalb ist sie so schwer zu greifen. Wer ist der Täter? Die Plattform? Der Algorithmus? Die Posterin? Die afghanische Frau, die ihr Schicksal zur Vorlage gemacht sieht? Niemand trägt die Verantwortung allein. Alle tragen ein Stück davon, und niemand hat ein Interesse daran, das Stück abzugeben.
Ein paar offene Fragen, die diese Redaktion mit Blick auf die Recherche schuldig bleibt — nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil die Quellen dazu schweigen:
Wer beziffert die tatsächliche Reichweite jenseits plattform-interner Schätzungen? Wer misst, wie viele Beiträge aus Afghanistan selbst kommen, also von den Frauen, um die es angeblich geht? Wer prüft, ob und wie Erlöse — Werbung, Kooperationen, Spenden-Streams — an afghanische Organisationen oder Betroffene zurückfließen? Wer kontrolliert, welche Inhalte gelöscht, welche verstärkt, welche mit Warnhinweisen versehen werden? Unklar bleibt auch, ob die Plattformen den Trend je offiziell benannt oder eingeordnet haben. Die bisher vorliegenden Belege sprechen eine andere Sprache: Sie sprechen die Sprache der Kuratierung. Sie sprechen die Sprache der eigenen Vermarktbarkeit.
Das ist die Linie, die die Tribune heute zieht. Unterdrückung ist kein Thema mehr, das man hat. Unterdrückung ist ein Slot. Sie ist eine Spalte im Algorithmus, eine Discover-Kategorie, ein Marketingkonzept, eine Klickstrecke. Wer das nicht sehen will, kann mitschwimmen. Wer es sieht, schuldet den Leserinnen die Frage, was am Ende des Tages auf der Bilanz steht — außer Likes.
Evelyn singt unten im Café. Es klingt traurig. Es klingt nach einem Lied, das jemand einmal für Geld geschrieben hat, damit es heute traurig klingt. So sitzt man hier und trinkt seinen Bourbon und fragt sich, ob die Maschine auch traurig sein kann, wenn der Strom ausfällt.
Eines ist sicher: Heute hat sie mehr verdient als die Frauen in Kabul.
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