Die singende Maschine: Wie ein Kinderlied Wahlkampf wurde
Die Drähte summen. Diesmal kommt das Signal aus einem Kinderzimmer.
Sie heißt Rachel Griffin Accurso, auf den Schirmen der Republik bekannt als Ms. Rachel — mehr als zwanzig Millionen YouTube-Abonnenten, fünfeinhalb Millionen auf Instagram. Seit vergangenem Freitag: politische Wählerin mit Senderecht. Keine Reue, sagt sie. Zwölf Kandidaten in acht Bundesstaaten hat sie auf ihre Liste gesetzt, darunter Cori Bush, die in Missouri ihren alten Sitz gegen Wesley Bell zurückerobern will, und Abdul El-Sayed, der in Michigan den Senat will. Dreitausend Dollar aus eigener Tasche an El-Sayed — verzeichnet in einer Bundesmeldung. Die Summe ist eine Fußnote. Die Reichweite ist die Waffe.
Ich höre Frequenzen, die andere nicht hören wollen. Dies ist eine davon.
Im übertragenen Sinne: ein Telegraphenamt, das nicht weiß, wessen Depeschen es weiterleitet. So funktioniert die Maschine, die Ms. Rachel füttert. YouTube nimmt Kinderlieder, sortiert sie nach Aufmerksamkeit, und gibt der Sängerin einen Sendeapparat zurück, dessen Reichweite die alte Präsidentenlobby AIPAC in den Schatten stellt — zumindest im entscheidenden Moment. Im Sommer 2024 hat dieselbe Maschinerie achtzehn Millionen Dollar in Missouri verbrannt, um Cori Bush aus dem Kongress zu prügeln. Wesley Bell, ihr Nachfolger, wurde mit diesem Geld installiert. Jetzt steht Bell im Hintergrund, während Josh Hawley die gestürzte Demokratin umarmt und das Strahlenopfergesetz feiert. Das Bild ging um die Welt. Bush will ihren Sitz zurück. Sie wird getragen — nicht von einem Super-PAC, sondern von einer Kinderliederfrau mit Algorithmus.
Wer profitiert? Nicht Ms. Rachel. Die Plattform. Die Aufmerksamkeitsökonomie, die Kinderstimmen in Stimmen für Medicare-for-All verwandelt, ohne dass irgendjemand den Hebel erklärt. Ms. Rachel glaubt, sie spricht. Sie sendet. Die Maschine sortiert.
Schauen wir auf die Empfänger. El-Sayed, 41, ehemaliger Gesundheitsbeamter in Detroit, könnte der erste muslimische Senator der Vereinigten Staaten werden. CNN-Moderator Jake Tapper hat ihn im Juli interviewt — nicht zu den achtzehn gefallenen amerikanischen Soldaten, nicht zu Kriegsverbrechen, nicht zu iranischen und libanesischen Zivilisten. Sondern zu einem Satz auf einem durchgesickerten Kampagnen-Anruf: Es gibt viele Menschen in Dearborn, die heute traurig sind. Dearborn, Heimat einer der größten muslimischen Gemeinden des Landes. Tapper unterstellt ihm, wegen des Ayatollahs zu trauern. Nancy Khalil, Anthropologin an der University of Michigan, nennt das Interview schlampig und beleidigend. Sie hat recht.
El-Sayed steht im Dauerfeuer. Islamophobe Angriffe, durchkämmt mit KI-generierten Memes. Das Pro-Israel-Doxxing-Konto StopAntisemitism verbreitet Halbwahrheiten über eine ehemalige Mitarbeiterin. Rechte Agitatorin Laura Loomer fordert: Muslims aus dem Amt verbannen. Unter El-Sayeds Kampagnenposts: Terrorist. Radikal. Jihadist. Die Maschine, die ihn dämonisiert, ist dieselbe, die Ms. Rachel das Senden erlaubt.
Bush sagt: Die Gemeinschaft hat mich gefragt, wo unser Kämpfer ist. Bell sagt: Ich nehme es nicht übel, wenn Hawley mir nicht dankt. Ms. Rachel sagt: keine Reue. Das sind drei Sprachen. Die erste ist die Sprache der Erneuerung. Die zweite ist die Sprache des Establishments, das Beleidigungen als Höflichkeiten schluckt. Die dritte ist die Sprache einer Generation, die begriffen hat, dass öffentliche Reue in der Aufmerksamkeitsökonomie nur Verlust bedeutet.
Wer zahlt den Preis? Nicht die Spenderin. Nicht die Kandidaten. Die Kinder, die zwischen einem Lied über Formen und einem Post über Steuererhöhungen für Milliardäre aufwachsen. Die Zuhörer in Dearborn, deren Trauer in eine Terrorismus-Etikettierung verwandelt wird, wenn der Sender es so will. Die Wähler, die lernen, dass eine sympathische Stimme auch eine politische Waffe ist.
Ms. Rachel ist keine Ausnahme. Sie ist die Regel. Die singende Maschine hat keine Reue, weil Reue nichts sendet, nichts konvertiert, niemanden klickt. Die Frage ist nicht, ob sie zu weit geht. Die Frage ist, wem das Senderecht gehört — und ob die Republik sich leisten kann, dass die nächste Wahl von Kinderzimmern aus sortiert wird.
Ich schreibe das in einem Büro, das nach Lötzinn und kaltem Kaffee riecht. 1937. Die Drähte summen. Sie haben nie aufgehört.
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