Havannas Drehbuch für amerikanischen Boden
Manche nennen es Subversion. Manche nennen es Aktivismus. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen — und genau dort, wo niemand hinschauen will.
Washington hat diese Woche einen 100-seitigen Bericht auf den Tisch gelegt, der das Wort „Einmischung" neu definiert. Die Anschuldigung: Kuba habe über Jahrzehnte ein Netzwerk aus US-Aktivistengruppen aufgebaut, koordiniert, bezahlt — und nun einen Plan veröffentlicht, der die Fahnen hissen lässt, sobald amerikanische Bomber abheben. Der Plan heißt „National Rapid Response Plan". Er wurde im Juni vom National Network on Cuba veröffentlicht, einem Sammelbecken von über sechzig Organisationen. Sechs davon stehen namentlich im Feuer: ICAP, das kubanische Institut für Völkerfreundschaft, das im Juni sanktioniert wurde, weil es angeblich kubanische Geheimdienstaktivitäten unterstützt. Code Pink. Das People's Forum. Die Democratic Socialists of America. Die National Lawyers Guild. Sechs Namen, sechsmal Ärger — oder sechsmal Demokratie, je nachdem, wen man fragt.
Der Plan ist öffentlich. Das allein ist schon bemerkenswert. Ein Geheimdienst, der seinen Notfallkoffer auf Twitter postet? Verteidiger sagen: Transparenz. Skeptiker sagen: Drehbuch. Beide haben Recht, und genau das ist das Problem.
Was steht drin? Wenn amerikanisches Militär Kuba angreift — oder die Drohung greifbar wird —, sollen binnen 24 Stunden Demonstrationswellen durch das Land rollen. Vor Bundesgebäuden, Gerichten, Postämtern. Vor Militärbasen und Rekrutierungsbüros. Vor ICE-Haftzentren und Feldbüros. Sogar Sportarenen bei Großveranstaltungen stehen auf der Liste. Die Uhr tickt nach Eastern Time: Angriff vor 15 Uhr — Protest um 18 Uhr lokal. Später? Nächster Tag, 18 Uhr. Ordentlich. Pünktlich. Wie ein Orchester, das auf den Dirigenten wartet.
Und wer ist der Dirigent? Hier wird es dunkel. Der Bericht des Außenministeriums zieht die Linie von Havanna zu den Black Panthers, zur Weather Underground, zu den Campus-Unruhen der letzten Jahre — von George Floyd bis Antifa. Kubanische „Agenten und Operateure" seien in „Hunderten" Organisationen aktiv. Ein Beamter sprach von einer „sehr ernsthaften und besonderen Bedrohung". Counterterrorism-Behörden seien eingeschaltet.
Man darf das nicht kleinreden. Die Black Alliance for Peace, ein „häufiger Mitarbeiter" Havannas, hat eine Datenbank mit 1.335 militärischen und polizeilichen Einrichtungen kursieren lassen. Tausenddreihundertfünfunddreißig Ziele. Kein Manifest, eine Landkarte.
Aber genau hier beginnt meine Arbeit — und mein Misstrauen. Denn dieser Bericht kommt nicht aus dem Nichts. Präsident Trump hat angedeutet, die US-Armee könne nach dem Iran, wo der Konflikt um die Straße von Hormuz tobt, „bei Kuba vorbeischauen". Ein 99-seitiger Bericht, der die Notwendigkeit eines schnellen militärischen Schlags untermauert? Das ist kein Zufall. Das ist Legitimation mit Aktenzeichen.
Die kubanische Seite kontert diplomatisch. David Ramírez Álvarez, Zweiter Sekretär der Botschaft in Washington, koordiniert Lobbyarbeit mit US-Nichtregierungsorganisationen. Bundesbehörden ermitteln, ob amerikanische Gruppen Teil einer „bösartigen ausländischen Einflusskampagne" sind. Die kubanische Antwort: Aktivismus ist kein Verbrechen. Anti-Imperialismus ist kein Spionageakt.
Beide Seiten haben ein Interesse an dieser Erzählung. Die Aktivisten brauchen Kuba als Feindbild, um Spenden zu mobilisieren. Die US-Regierung braucht Kuba als Bedrohung, um Basen, Budgets und Ausnahmezustände zu rechtfertigen. Wer profitiert? Wer zahlt den Preis?
Der Preis wird auf beiden Seiten der Florida-Straße bezahlt. In Kuba hungert eine Bevölkerung für eine Souveränität, die zwischen Miami und Havanna längst zur Ware geworden ist. In den USA werden ICE-Zentren belagert, weil Protest und Einwanderungspolitik in einem Aktionsplan verschmelzen — als seien kubanische Migrantenkinder und Militärbasen derselbe Feind. Wer diese Verbindung herstellt, gewinnt die nächste Wahl. Wer sie aufgibt, verliert den nächsten Krieg.
Die Geschichte, die wir hier erzählen, ist nicht „Aktivisten protestieren". Sie ist: Zwei Regierungen, die ihre Innenpolitik über die Karibik austragen. Ein Plan, der so transparent ist, dass er nur als öffentliche Kriegserklärung funktionieren kann. Und ein Bericht, der so dick ist wie ein Telefonbuch, damit niemand die letzte Frage stellt: Cui bono? Wem nützt es?
Niemand antwortet. Alle profitieren.
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