15,4 Grad am Südpol, 29 Orte im Feuer — dasselbe System
Die Drähte summen. Wer zuhört, hört mehr als die Sendungen.
Zwei Meldungen in derselben Woche. Eine Messstation im Südpolgebiet registriert 15,4 Grad Celsius — im Juni. Eine Durchschnittstemperatur von minus 6,2 Grad wäre normal, sagen die Modelle. Der Rekord liegt jetzt zwanzig Grad darüber. Das Eis, das seit Millionen Jahren als Thermostat der Welt funktioniert, gibt seine Funktion auf.
Gleichzeitig, sechzehntausend Kilometer entfernt: Drohnenangriffe auf den Norden Israels. Die israelische Armee ruft die Menschen in 29 Orten im Südlibanon zur Flucht auf. Israel droht offen mit Angriffen am Fluss Sahrani. Die USA haben am 27. Februar ihre Operationen aufgenommen. Iran hat zurückgeschlagen. Krieg.
Zwei Nachrichten, sagen die Redaktionen. Verschiedene Ressorts, verschiedene Experten. Eine Umweltgeschichte, eine Sicherheitsgeschichte.
Das ist die Behauptung, an der ich ermittle.
Denn der Blick, der beide trennt, ist kein analytischer. Er ist ein politischer. Wer die Antarktis vom Libanon trennt, wer das Klima von der Geopolitik trennt, der macht es den Machtblöcken leicht, in jedem Bereich ungestört zu operieren. Die Daten werden zu Fußnoten, die Opfer werden zu Zahlen, die Ursachen werden zu Zufällen.
Ich habe als Telegraphistin angefangen, dann Funk, dann Radar. Ich habe gelernt: Eine Frequenz, die niemand besetzt hält, wird besetzt. Was sich nicht selbst reguliert, wird reguliert — von wem auch immer die Hand am Regler hat.
Am Südpol hat der Träger des Signals versagt. Das Eis schmilzt schneller, als jedes Modell vorausgesagt hat. Elisabeth Schlosser von der Universität Innsbruck hat mit einem internationalen Team die letztjährige Hitzewelle dokumentiert — eine Wetterlage, die nicht sein darf. Am Vostok, der kältesten direkt gemessenen Station der Erde mit ihren registrierten minus 89,2 Grad, kippen die Extreme in die andere Richtung. Die Puffersysteme arbeiten nicht mehr. Wer nach den neuen Schifffahrtsrouten durch die eisfreie Arktis fragt, nach den Hafenstädten, die gerade geplant werden, wer nach den Versicherungen fragt, die ihre Modelle umschreiben müssen, der versteht, warum diese Daten nicht in den Aufmacher kommen. WetterOnline hat den Temperaturrekord zum Herbstanfang gemeldet. Welche Zeitung hat die Folgen verfolgt?
Im Südlibanon ist der Träger des Friedens versagt. Neunundzwanzig Orte. Nicht als Militäraktion gegen einzelne Stellungen, sondern als Räumung ganzer Landstriche. Die Drohnen, die über den Norden Israels fliegen, sind nicht nur Waffen — sie sind die neue Sprache, in der Konflikte ausgetragen werden. Wer liefert die Komponenten? Wer kontrolliert die Frequenzen? Welche Struktur trägt das? Mein Gewährsmann aus den Werkstätten sagt: Was früher Gewehre waren, sind heute Drohnen. Massenware, produziert in Lieferketten, die niemand vollständig überblickt.
Und hier beginnt die Ermittlung, die correctiv teilt: Wer redet, wenn ein Rekord fällt? Wer schweigt, wenn 29 Orte evakuiert werden? Welche Quelle wird zitiert, welche nicht?
Im Fall der Antarktis zitieren die Redaktionen dieselben zwei, drei Forschungsstationen. Sie zitieren nicht die Logistikkonzerne, die ihre Routen für die eisfreie Arktis planen. Sie zitieren nicht die Versicherungen, die ihre Modelle umschreiben müssen. Sie zitieren nicht die Militärs, die in der Arktis längst ein Operationsgebiet sehen.
Im Fall des Nahen Ostens zitieren die Redaktionen dieselben offiziellen Stellen. Sie zitieren nicht die Zivilisten, die zwischen den 29 Orten nirgends mehr ankommen. Sie zitieren nicht die Strukturen, die diese Operationen möglich machen — die Lieferketten, die Banken, die diplomatischen Deckungen.
Frauen hatten in meinem Beruf 1937 nichts verloren. Ich bin trotzdem hier. Ich sage das nicht, weil es mich kümmert, sondern weil es das Muster zeigt: Wer nicht erwähnt wird, wird auch nicht befragt. Wer nicht befragt wird, fällt aus den Daten. Wer aus den Daten fällt, existiert in den Redaktionen nicht.
Das ist die alte Methode. Die Daten nennen, aber nicht die Folgen. Die Opfer zählen, aber nicht die Verantwortlichen. Das Wetter erklären, aber nicht die Wirtschaft, die es verbrennt. Die Sicherheit erklären, aber nicht die Geschäfte, die sie ermöglichen.
Was sich am Südpol und am Sahrani zeigt, ist keine zwei getrennten Krisen. Es ist eine Krise, die in zwei Sprachen gesprochen wird. In der einen heißt sie Klima. In der anderen heißt sie Sicherheit. Beide Sprachen werden von denselben Akteuren gesprochen, mit denselben Mitteln, gegen dieselben Menschen.
Offen bleibt — und das ist die Frage, die correctiv nicht scheut: Wer bezahlt den Preis? Die Bewohner der 29 Orte im Südlibanon, deren Namen in keiner Statistik auftauchen werden. Die Bevölkerung am Südpol — keine. Aber alle, die in den kommenden zwanzig Jahren an steigenden Küsten wohnen werden, an neuen Wetterextremen, an Migrationsrouten, die niemand geplant hat.
Das ist die Rechnung. Sie wird gerade von denen geschrieben, die behaupten, sie nur zu verwalten.
Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Das ist kein Klischee. Das ist Inventar. Hier höre ich, was andere nicht hören wollen. Heute sage ich, was ich höre: Wir haben keine zwei Krisen. Wir haben eine. Und sie wird in den Köpfen derer entschieden, die uns die Zahlen liefern — und in den Redaktionen, die entscheiden, welche Zahlen gedruckt werden.