Hunderttausend pro Woche, heute Bittsteller in Blaby
Twana Jamal stand 2016 in einem französischen Gerichtssaal und hörte fünf Jahre. Die Staatsanwaltschaft nannte ihn den "erfolgreichsten Schlepper der Geschichte". Hunderttausend Pfund pro Woche, vier- bis fünftausend pro Person, die er über den Kanal bugsierte. Sein Arbeitsplatz: das Lager Grand Synthe bei Dünkirchen. Heute, zehn Jahre später, sitzt derselbe Mann in einem Dorf in Leicestershire.
Wartet auf Asyl.
Blaby. Sechstausend Einwohner, eine High Street, zwei Läden. Beide heißen Candy Corner, betrieben von Jamal und seinem Bruder, zwanzig Meter voneinander entfernt auf gegenüberliegenden Seiten der Straße. Einer davon steht Tür an Tür mit dem Wahlkreisbüro des hiesigen konservativen Abgeordneten.
Die BBC hat ihn beobachtet. Sie haben ihn gesehen, wie er ein Auto ohne Nummernschild fuhr, unter einem offenbar falschen Namen. Sie haben ihn gefilmt, tagelang, bei der Arbeit in einem der Läden. Sie haben ihn am Telefon gehört, wie er sagte: "Wir kennen hier jeden, diese Stadt gehört uns." Sie haben ihn gehört, wie er Arbeit anbot, Zigaretten aus einem Lager zu bewegen. Sie haben ihn sagen hören: "Niemand fasst uns hier an. Nicht mal die Polizei."
Als sie ihn damit konfrontierten, log Twana Jamal.
Er leugnete die Verurteilung. Er sagte, er sei "fast zwanzig Jahre" in Großbritannien. Er sagte, und dies ist der Satz, den ich nicht vergessen werde: "So halten sie die Lügen am Laufen und bringen die Leute dieses Landes dazu, Einwanderer zu hassen."
Ich sitze hier und schreibe diesen Satz auf. Ich atme. Ich schreibe weiter.
Ein Mann, der nachweislich Migranten über das Wasser verkaufte, zu Tausenden, der daran Millionen verdiente, der in Frankreich rechtskräftig verurteilt wurde — dieser Mann stellt im Vereinigten Königreich einen Asylantrag. Er arbeitet gleichzeitig schwarz. Er fährt ohne Kennzeichen. Er betreibt zwei Läden. Er prahlt am Telefon mit seiner Macht. Er leugnet alles, wenn die Kamera läuft.
Ich kenne das Asylrecht. Ich habe in Wien Formulare ausgefüllt für Menschen ohne Papiere. Ich habe Familien an Grenzen auseinanderbrechen sehen. Ich habe weinende Kinder in Empfangsstellen getröstet. Ich habe gelernt, was Paragraph 33 bedeutet, was das Genfer Abkommen im wirklichen Leben bedeutet: dass ein Mensch, der in seinem Herkunftsland verfolgt wird, ein Recht auf Schutz hat.
Twana Jamal wurde in seinem Herkunftsland nicht verfolgt. Twana Jamal wurde in Frankreich verurteilt, weil er das Leid anderer verkaufte.
Ich nenne die offenen Fragen. Wie konnte ein rechtskräftig verurteilter Schlepper in dieses Land einreisen? Wer hat seinen Asylantrag überhaupt angenommen? Wer hat ihn in Blaby wohnen lassen, in einer steuerlich subventionierten Sozialwohnung, wie eine zweite Recherche zeigt? Wer hat zugesehen, wie er zwei Läden eröffnete, ohne Papiere, ohne Nummernschild, neben dem Büro eines Parlamentsabgeordneten?
Die BBC spricht von mehr als zwanzig bekannten aktiven Schleppernetzen, die sie allein in diesem Umfeld identifiziert hat. Zwanzig. Das ist nicht die Spitze. Das ist das, was man findet, wenn man hinschaut.
Die Läden sind inzwischen geschlossen. Die Anwohner empören sich. Das ist gut. Das ist nicht genug.
Denn die Frage ist nicht allein, was in Blaby geschieht. Die Frage ist, warum es überhaupt so weit kommen konnte. Die Frage ist das System. Die Frage ist, wer profitiert — der Pate, der zwei Läden betreibt und Zigaretten aus Lagern bewegt; der Vermieter, der die Wohnung nimmt; der Anwalt, der den Antrag schreibt; die Behörde, die den Antrag zu schnell oder zu langsam bearbeitet, je nachdem. Die Struktur trägt alles, bis man es ausspricht.
Ich habe einen Koffer unter dem Schreibtisch. Nicht, weil ich paranoid bin. Sondern weil ich gesehen habe, wie schnell man in diesem Gewerbe selbst zur Akte wird.
Blaby, England, Sommer 2026. Ein Dorf. Zwei Läden. Und ein Mann, der behauptet, niemand sei hier.
Er ist hier.
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