Börse 1937
Terminal Tribune

6. August 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

DIE WETTE GEGEN DAS WERK — UND WER SIE BEDIENT

6. August 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

Die Drähte summen. Diesmal nicht nur die von der Börse. Sie summen quer durch den Kontinent, von Hawthorne bis Boca Chica, von den Hedgefonds-Buchten in Connecticut bis zu den Schaltpulten in Cupertino, auf denen Starlink-Satelliten ihre Bahn ziehen. Was da brummt, ist ein Kanon aus Short-Positionen. Fünfunddreißig Prozent der frei handelbaren SpaceX-Anteile liegen in den Händen von Leerverkäufern. Der Durchschnitt liegt bei fünf Prozent. Hier haben wir das Siebenfache.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Ich höre Frequenzen. Und was ich höre, ist nicht das Ende von SpaceX. Was ich höre, ist das Ende einer bestimmten Erzählung — der vom unaufhaltsamen Aufstieg. An ihre Stelle tritt eine andere: die der systematischen Unterbewertung durch Kapital, das vom Fallen profitiert.

Zahlen, hart wie Lötzinn: Elon Musk hatte beim Debüt im Juni 85 Milliarden Dollar eingespielt. Der Ausgabekurs von 135 Dollar schoss am ersten Handelstag auf über 175, fiel zurück, liegt jetzt bei rund 111. SpaceX verlor seitdem über fünfhundert Milliarden Dollar an Marktwert. Short Interest, so die Daten von S3 Partners: 219,3 Millionen Aktien Ende Juli. Einen Monat zuvor waren es 23,3 Millionen. Eine Verzehnfachung. Die Leerverkäufer haben, Stand heute, etwa 7,3 Milliarden Dollar Gewinn eingefahren.

Wer sitzt an den Schalthebeln dieser Maschine? Die Daten liefert S3 Partners, gegründet von Bob Sloan, mit dem ich den Podcast Risk and Return teile. Bloomberg zitiert sie. Mark Vena von SmartTech Research deutet die Lage: Vision werde vor Profit belohnt, doch der Bericht werde zeigen, ob das so bleibe. Stephen Callahan von Firstrade zerlegt das Geschäftsmodell — Starlink macht sechzig Prozent des Umsatzes. Für das zweite Quartal erwartet die Wall Street 3,82 Milliarden Dollar Umsatz im Starlink-Segment, 1,42 Milliarden operativer Gewinn. Klingt solide. Aber die Ausgaben — über 14 Milliarden Dollar allein im Quartal.

Und Michael Burry, der Mann aus dem Film über die Immobilienblase, ist „versucht", gegen Musk zu wetten. Wie man hört, zögert er noch. Warum? Unklar bleibt, was ihn zögern lässt. Kalkül? Ein Rest Anstand? Oder einfach die alte Wall-Street-Weisheit, dass der Markt länger irrational bleiben kann, als man liquide bleibt?

Die Struktur, die ich sehe, ist alt. Sie kommt aus den Zwanzigern, aus den Dreißigern, sie kommt von jedem Pump, den ich seit meinen Tagen am Schlüssel gesehen habe. Ein Unternehmen geht an die Börse, der Kurs schießt über das hinaus, was die Bilanz tragen kann. Dann kommen die, die darauf wetten, dass die Schwerkraft zurückkehrt. Sie veröffentlichen Research, sie säen Zweifel, sie drücken den Preis. Nicht weil das Unternehmen wertlos ist — sondern weil das Unternehmen weniger wert ist als der Traum, der ihm anhaftet.

Ob die Shorts recht behalten, weiß ich nicht. Niemand weiß es. Aber ich weiß, was im Raum steht. Am Dienstag, 4. August, legt SpaceX Quartalszahlen vor, gemeinsam mit dem Chiphersteller AMD. Zwei Tage später läuft die erste Lock-up-Frist aus, die Altinvestoren am Verkaufen hindert. Beide Termine sind Sprengsätze. Quartalsverluste sind eingepreist — SpaceX ist ein Startup, das weiß jeder. Was nicht eingepreist ist, ist das, was nach dem 6. August geschieht, wenn die ersten Papiere aus den Sperrfristen fallen. SpaceX ist noch nicht im S&P 500 — was die Bärigkeit laut Sloan noch tiefer macht, weil Shorts erklärtermaßen lieber Papiere aus dem Index shorten.

Hier die Frage, die niemand stellt: Was passiert mit einem Ingenieursunternehmen, das eine Rakete namens Starship baut, ein Satellitennetz mit sechzig Prozent Umsatzanteil betreibt und Abermilliarden in KI-Rechenzentren im All pumpt — wenn der Kapitalmarkt sich entscheidet, dieses Unternehmen nicht mehr zu mögen?

Drei Antworten sind möglich. Erstens: Der Markt hat recht, die Blase platzt, die SpaceX-Erzählung war heißer Dampf. Zweitens: Der Markt irrt, wie 2018 bei Tesla, als die Shorts feierten und Musk dann die Produktion hochfuhr — ein Lehrstück, das man nicht vergessen sollte. Drittens: Beides ist gleichzeitig wahr. Der Markt bestraft eine Bewertung. Die Technik bleibt unberührt.

Das ist die strukturelle Diskrepanz. Die Shorts handeln keine Raketen. Sie handeln Erwartungen. Was sie unterbewerten, ist nicht das Raumschiff — es ist die Fähigkeit eines Teams, aus einer Niederlage ein Triebwerk zu bauen. Musk wirkt „merkurial" — ja, das ist das Wort. Quecksilber. Schwer zu fassen, aber verdammt schwer totzukriegen. Die SpaceX-Erlöse 2025 lagen bei 18,7 Milliarden Dollar, ein Drittel mehr als im Vorjahr. Die Verluste wachsen im selben Tempo.

Unklar bleibt, wer die nächsten Schritte der Shorts koordiniert — ich sehe keine zentrale Hand, nur ein zerstreutes Interesse, das sich selbst verstärkt. Klar ist, dass 35 Prozent Short Interest kein Zufall sind. Klar ist auch, dass die S3-Daten eine Eigendynamik erzeugen: Jedes neue Research-Feed, das auf die Short-Positionen verweist, zieht neue Wetten an. Das ist kein Recherchebericht. Das ist ein Verstärker. Wer den Verstärker kontrolliert, kontrolliert das Narrativ.

Burry zögert noch. Bernstein legt ein Kursziel vor, das in der mir vorliegenden Depesche abgeschnitten ist — den vollen Wert muss ich schuldig bleiben. Musk baut weiter. Der Markt hält den Atem an.

Frauen hatten in diesem Beruf nichts verloren. Ich schreibe trotzdem.

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