Met-CCTV: Londons Läden senden Diebe direkt auf die Wache
London, die Drähte summen. In den Geschäften der Hauptstadt wird Ware neuerdings nicht mehr nur gestohlen, sondern zugleich dokumentiert, verpackt und digital an die Metropolitan Police geliefert. Die Wachen bekommen die Tat direkt aufs Gerät. Viermal so viele Verurteilungen wie zuvor, verkündet die Met. Die Geschäftsleute applaudieren. Die Kameras sehen alles. Ich übersetze.
Die Fakten sind schnell erzählt. Eine neue Software der Metropolitan Police erlaubt es Polizeibeamten, Aufnahmen aus den Überwachungskameras der Einzelhändler unmittelbar zu empfangen — nicht mehr den Umweg über ein träges Online-Portal, sondern auf direktem Weg. Die Ketten Tesco, Boots, M&S und Greggs sind bereits angeschlossen. Vier große Namen der britischen Hochstraße, die sich öffentlich mit der Polizei zusammengetan haben, um gegen Ladendiebstahl vorzugehen. Bei manchen Filialen von Greggs sollen die Auslagentheken gleich ganz verschwunden sein, weil die Vorfälle überhandnahmen. So weit die Pressemitteilung.
Viermal mehr Verhaftungen klingen nach Sieg. Aber was wird hier eigentlich gezählt? Die Zahl der Verfahren sagt nichts über die Täter, nichts über ihr Alter, nichts darüber, ob dieselben Menschen wenige Monate später erneut hinter demselben Tresen stehen — nur mit einer Vorstrafe in der Tasche. Die Met feiert eine höhere Durchlaufquote. Ob sich das Leben in Hackney, Peckham oder Tottenham dadurch bessert, steht in keiner Verlautbarung. Unklar bleibt, wie viele dieser Fälle tatsächlich zu einer Verurteilung führen und wie viele in Bewährung, Einstellung oder Freispruch enden. Unklar bleibt, ob die Software den Druck auf jene erhöht, die ohnehin am häufigsten ertappt werden.
Denn das System ist nicht neutral. Es ist zugeschnitten auf eine sehr bestimmte Vorstellung von Verbrechensbekämpfung: die des schnellen Eingriffs, der dokumentierten Tat, der Akte. Es misst, was messbar ist. Was sich nicht filmen lässt — chronische Armut, leere Tafeln, sinkende Sozialhilfe, geschlossene Suppenküchen — fällt durch dieses Raster. Wer eine steigende Verhaftungsquote vermeldet, ohne die Lage hinter der Quote zu benennen, hat das Symptom gegen die Ursache eingetauscht und verkauft den Tausch als Fortschritt.
Auch die Rollen verschieben sich leise. Die Kamera im Geschäft, ehemals Sache des Ladendetektivs, wird zur Außenstelle einer Behörde. Die Einzelhändler liefern Bilder. Die Met empfängt sie. Wer sie speichert, wer sie löscht, wer später darauf zugreifen darf — all das liegt im Dunkeln. Diese Dunkelheit ist kein Betriebsgeheimnis, das niemanden etwas angeht. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass eine solche Technik überhaupt breit akzeptiert wird: man nimmt sie im Vertrauen, sie sei harmlos. Wer nachfragt, was mit den Aufnahmen geschieht, wenn der Akt geschlossen ist, wird als Spielverderber abgetan.
Ich sitze an meinen Drähten und höre vertraute Muster. Die Sorgfalt, mit der die Londoner Polizei ihre Quote nach oben rechnet, klingt für mich nach einer anderen Branche, in der derzeit kräftig umgepackt wird. Ein New Yorker Handelshaus namens Jane Street verhandelt darüber, rund elf Milliarden Dollar Schulden an Investoren weiterzureichen — darunter den Schwergewichtsfonds Pimco. Die Schulden verschwinden dabei nicht. Sie wandern von einer Bilanz in die nächste. Beobachter der Finanzwelt fragen sich derzeit offen, ob das Tilgung ist oder nur eine geschickte Verlagerung. Hier in London stellt sich verwandte Frage, nur in anderer Währung: Tilgt eine App, die Verhaftungen vervierfacht, das Übel — oder packt sie es nur in eine schickere Aktenmappe?
Man soll keine Genugtuung kleinreden. Für die Angestellten hinter den Tresen, die jeden Tag mit leeren Regalen und wachsendem Misstrauen konfrontiert sind, ist jede überführte Tat eine kleine Atempause. Sie haben das verdient. Aber eine Lösung sieht anders aus. Eine Lösung wäre, wenn nach einem Jahr die Zahl der Diebstähle sinkt, nicht allein die Zahl ihrer Überführung. Eine Lösung wäre, wenn dieselbe Energie, die in die Software fließt, auch in die Strukturen flösse, die den Diebstahl erzeugen.
Wenn eine Behörde ihre Festnahmequote vervierfacht, ohne dass die Not hinter der Quote kleiner wird, dann hat sie womöglich nicht das Verbrechen besiegt, sondern nur den Blick auf das Verbrechen geschärft. Das ist nicht nichts. Es ist auch nicht genug. Wer die Kamera feiert und die Verhältnisse vergisst, hat die Maschine bedient, nicht das Problem gelöst.
Ich bleibe an den Drähten. Was die Kameras in London aufnehmen, sehen die Wachen. Was die Wachen nicht aufnehmen, sieht niemand. Das ist die alte Geschichte, nur in höherer Auflösung.
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