ZÄHLRUF AUS VENEZUELA: TAUSEND ODER FÜNFTAUSEND TOTE?
1937 schreibt keine Depesche so leicht wie heute. Die Drähte summen, und ich höre sie. Aber was die Welt mir diese Woche aus Caracas sendet, ist kein Bericht — es ist ein Durcheinander aus Zahlen, das sich widerspricht, bevor die Tinte trocknet. Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee, und auf meinem Tisch liegen sechs Meldungen über denselben Erdstoß. Sechs. Keine zwei gleichen sich.
Zwei Erdbeben. Letzter Monat. Venezuela. Mächtig, sagen alle. Die Rede ist immer von der Küstenregion, wo die meisten Opfer zu beklagen sind. Soweit die Übereinstimmung. Soweit der Konsens reicht. Und dann beginnt das Zählen — und hier beginnt auch mein Misstrauen.
Die einen schreiben: Die Zahl der Toten nähert sich 1.000. Die anderen schreiben: Die Zahl der Toten übersteigt 5.000. Beide Seiten behaupten, sie wüssten es. Beide Seiten schicken mir Depeschen über denselben Draht, mit demselben Stempel der Dringlichkeit. Ich sitze hier mit zwei Zahlen, beide schwer, beide unversöhnlich, und keine Quelle kann mir erklären, wo die Differenz herkommt. Niemand fragt nach. Niemand will es wissen.
Tausend Tote sind ein Massenunglück. Fünftausend Tote sind eine nationale Katastrophe, eine humanitäre Katastrophe, ein Hilferuf an die Welt. Wer entscheidet, welche Zahl morgen auf der Titelseite steht? Wer profitiert von der kleineren Zahl — die Regierung, die nicht eingreifen muss? Wer von der größeren — die Hilfswerke, die Spenden sammeln? Das ist die Frage, die kein Korrespondent in seinem Bromo-Soda zu stellen wagt. Ich stelle sie.
Zwischen den Zahlen finde ich einen Namen, der sich verifizieren lässt, und an ihm halte ich mich fest: Andrea Bello. Die Frau des Fußballspielers Héctor Bello, Verteidiger bei Marítimo de La Guaira in der zweiten Liga, starb, als sie ihre einjährige Tochter Alana unter ihrem Körper schützte, während das Haus über ihnen zusammenbrach. Die Retter fanden die Mutter im Schutt. Das Kind überlebte. BBC, New York Post, Daily Mail, The Sun — vier Quellen, vier Stimmen, eine Geschichte, ein Fakt. Das ist die Ausnahme in dieser Suppe aus Gerüchten. Das ist der eine Bericht, der hält, weil er sich an einem konkreten Körper festmachen lässt.
Der Rest hält nicht.
Ich übersetze aus dem Spanischen, was durch die Drähte kommt — und es kommt wenig. Die Regierung spricht von der Küste, immer wieder von der Küste. Ausländische Agenturen, darunter eine japanische seismologische Quelle und der USGS, geben unterschiedliche Magnituden für dieselben Erdstöße aus. Wieder kein Konsens. Wieder kein einheitlicher Wert. Die Wissenschaft, die doch zählen soll wie kein anderer Berufsstand, zählt anders als die Politik, die verschweigt. Und ich sitze dazwischen mit meinem Lötkolben und frage mich: Was kostet eine Magnitude mehr? Was bringt eine Magnitude weniger?
Und dann, als wäre eine Tragödie nicht genug für meine Frequenzen, schiebt sich Assam dazwischen. Die schlimmsten Überschwemmungen seit sechzig Jahren, heißt es. Ich nehme es zur Kenntnis. Ich schreibe es heute nicht auf Seite eins. Aber ich erwähne es hier, weil es zeigt, was mit den Drähten passiert: Sie laufen voll. Die Welt sendet Katastrophen übereinander, gestapelt wie Säcke in einem überfüllten Leichenhaus, und niemand prüft mehr, ob die Etiketten stimmen. Niemand prüft, ob es überhaupt dieselben Säcke sind.
Zurück nach Caracas. Zurück zur Küste. Zurück zu den Toten.
Was ich mit Sicherheit weiß: Zwei starke Erdbeben haben Venezuela getroffen. Die meisten Opfer sind in der Küstenregion zu beklagen. Eine Mutter hat ihre Tochter gerettet, indem sie starb. Das ist belegt. Das sind die Fakten.
Was ich nicht weiß: Wie viele Menschen tatsächlich unter den Trümmern liegen. Tausend? Fünftausend? Eine Zahl dazwischen, die noch nicht das Licht der Öffentlichkeit erblickt hat? Ich weiß auch nicht, welche Agentur welche Zahl zuerst veröffentlichte, wer sie nachträglich korrigierte — und nach welchen Kriterien. Unklar bleibt, ob morgen eine dritte Zahl auf meinem Tisch landet, eine vierte, eine fünfte, alle mit demselben amtlichen Stempel, alle mit derselben Gewissheit getippt.
In meinem Beruf, dem alten Telegraphistenberuf, dann dem Funkberuf, dann dem Radarberuf, ist eine Zahl eine Zahl. Ein Impuls auf dem Draht. Ein Signal im Äther. Hier ist sie ein Spielzeug. Jede Agentur wirft ihre eigene Zahl in den Äther und wartet, welche am häufigsten wiederholt wird. Die Wiederholung macht noch keine Wahrheit. Sie macht nur Lärm.
Ich bleibe skeptisch. Das ist mein Beruf.
Was bleibt am Ende dieses Abends? Ein Kind, das lebte. Eine Mutter, die starb. Zwei Totenlisten für denselben Erdstoß. Eine seismische Skala, die sich nicht zwischen Tokio und Washington einigen kann. Ein Überschwemmungsbericht aus Assam, der sich dazwischen drängelt, als hätte auch er Anspruch auf meine Aufmerksamkeit.
Ich warte auf die dritte Zahl. Die Wahrheit ist selten die erste Zahl, die durch den Draht kommt. Sie ist die, die übrig bleibt, wenn das Rauschen aufhört.
Heute Abend rauscht es noch.
❖ Ende des Artikels ❖
