Der Drohnenkönig fällt — und niemand will es gewesen sein
Kyjiw im Juli. Der Regen fällt auf den Chreščatyk wie Weihwasser auf ein offenes Grab. In den Cafés am Maidan brennt Licht, und auf den Straßen brennt etwas anderes: Wut. Nicht die übliche Wut — nicht die nach Moskau, nicht die nach Washington. Eine Wut nach innen.
Denn mitten im Krieg, in dem jeder Mann an der Front gebraucht wird, geht ein Minister. Mychajlo Fedorow. 35. Der Mann, der die ukrainische Armee in sechs Monaten digitalisiert, der die Drohnenarmee aufgebaut hat, die diesen Krieg überhaupt erträglich macht — der Mann wird höflich, beinahe beiläufig, seines Amts enthoben.
Was bleibt, ist kein Rätsel. Es ist ein Tatort.
Fedorow selbst sprach. In einem Kyjiwer Hotel, Donnerstag, Abschiedspressekonferenz. Er hätte höflich gehen können. Schweigen. Abtauchen. Tat er nicht. Er nannte den Namen. Armeechef Syrskyj. Ein Mann der alten Schule, der Fedorows Reformen blockierte, wo er konnte. "Anstatt einen Weg zu finden, Russland asymmetrisch zu besiegen", sagte Fedorow, "hat Syrskyj einen Weg gefunden, das Land zu spalten."
Das ist keine Kritik. Das ist eine Anklage. Und sie kommt von jemandem, der nichts mehr zu verlieren hat.
Sehen wir, wer bei diesem Sturz gewinnt.
Da ist zunächst Syrskyj selbst. Die alte Garde. Die Generäle, die mit Papierkarten und Funkgeräten aus Sowjetzeiten in diesen Krieg gezogen sind und die sich nun gegen einen 35-jährigen Reformer wehren mussten, der ihnen mit Tablets und Drohnenschwärmen kam. Fedorow hat alte Systeme hinterfragt. Das ist in jeder Armee ein Vergehen. Das ist in Kyjiws Armee gerade jetzt ein Kapitalverbrechen.
Da ist der neue Ministerpräsident. Serhij Korezkyj. Ein Energiemanager. Was ein Energiemanager in einem Kriegsland zu suchen hat, in dem die halbe Energieinfrastruktur zu Schutt geworden ist, erklärt einem niemand. Aber wer die alten Seilschaften kennt, weiß: Energie ist in diesem Land kein Geschäftszweig. Sie ist Architektur. Wer Energie kontrolliert, kontrolliert die Kassen.
Da ist der neue Verteidigungsminister. Viktor Chmara. Bisheriger SBU-Chef. Interim. Noch nicht vom Parlament bestätigt. Chmara, heißt es, habe sich bei "technologischen Kampfeinsätzen besonders hervorgetan". Schöner Satz. Was das konkret bedeutet, darüber schweigen die offiziellen Stellen. Was ein Ex-Geheimdienstchef in einem Ministerium zu suchen hat, das gerade die größte technologische Revolution der Streitkräfte durchlaufen hat, darüber schweigen sie auch.
Sehen wir, wer schweigt.
Selenskyj selbst. Kein einziges direktes Wort des Präsidenten in den Meldungen. Keine Begründung, keine Erklärung. Nur das Vakuum einer Entscheidung. Eine selenskyjnahe Stimme gibt es dann doch — aus dem Lager derer, die nie an den Reformer glauben wollten: der mögliche Konkurrent sei aus dem Weg geräumt worden. Man sagt es nicht laut. Man schreibt es. Auf Portalen, die der Präsident eher nicht liebt.
Sehen wir, wer redet.
Die Straße. Das ist das Bemerkenswerteste. In Charkiw, keine hundert Kilometer von der Front, gingen Tausende auf die Straße. Veteranen. Leute, die wissen, was ein Krieg kostet. "Er ist einer der ganz wenigen Menschen, für die ich wirklich bereit bin, auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren", sagt ein Veteran namens Dmytro. "Sie entlassen ausgerechnet jemanden, der in nur sechs Monaten phänomenale Ergebnisse erzielt hat."
In Kyjiw rufen sie: "Holt Fedorow zurück." Auf den Plakaten steht: "Nein zu einer Armee nach Sowjetstil." Das ist nicht mehr Politik. Das ist eine Generationenfrage.
Die Proteste, heißt es, sind die größten seit der SAPO-NABU-Affäre 2025. Wer sich erinnert: der Sturm um die Antikorruptionsbehörden, als die ukrainische Gesellschaft kurz davor stand, an sich selbst zu zerbrechen. Damals ging es um Institutionen. Heute geht es um eine Methode — und um den Mann, der diese Methode verkörpert.
Es bleibt das Gerüst, das man nicht sieht.
Fedorows Vergehen war nicht Inkompetenz. Sein Vergehen war Geschwindigkeit. Sechs Monate — andere Generäle diskutieren sechs Jahre über neue Dienstvorschriften. Wer so schnell Ergebnisse liefert, macht jeden sichtbar, der sie nicht liefert. Wer so schnell arbeitet, lässt jeden langsam aussehen.
Und wer in Kyjiw langsam aussieht, hat einen mächtigen Freund.
Es bleiben die offenen Fragen. Wer hat eigentlich entschieden, dass die Ukraine gewinnen muss, indem sie langsamer wird? War es Selenskyj, der einen Rivalen kaltstellte? War es Syrskyj, der seinen Klassenfeind aus dem Weg räumte? War es der neue Energieminister, der in einer ganz anderen Schlacht kämpft — um Pipelines, um Tarife, um die Trümmer einer Oligarchenwirtschaft? War es der SBU-Mann, der nun den digitalen Apparat übernimmt, den er zuvor von außen betrachten durfte?
Unklar bleibt, was Chmara mit den Drohnenplänen vorhat. Unklar bleibt, ob der neue Kurs eine Verteidigung der Reformen ist oder deren schleichende Beerdigung. Unklar bleibt, warum ausgerechnet ein Geheimdienstchef das Ministerium bekommt, in dem die größte technologische Revolution der ukrainischen Streitkräfte stattgefunden hat.
Was man weiß: Der Kreml braucht diesen Streit nicht zu führen. Er gewinnt ihn, wenn Kyjiw ihn führt.
Fedorow ist gefallen. Die Drohnen fliegen weiter. Und niemand in Kyjiw weiß mehr, wem sie gehorchen.
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