STOCK UND KABEL, NUR ANDERER NAMEN
Bourbon in der Schublade. Regen auf dem Blechdach. Unten im Café singt Evelyn etwas, das nach Abschied klingt. Es ist spät. Es ist immer spät, wenn die Welt sich dreht.
Schau dir Syrien an. Ein Land, das sich gerade neu erfinden soll — oder neu zerfällt, je nachdem, wen du fragst und welche Antwort du verträgst. Im Dezember 2024 stürzte ein Bündnis unter Führung der Miliz HTS den Diktator Baschar al-Assad. Das war die Schlagzeile. Was danach kam, sind die Kleingedruckten.
Die syrische Journalistin Haneen Omran weiß, wie Kleingedrucktes aussieht. Sie recherchierte im Untergrund, unter falschem Namen, dachte immer: Irgendwann kriegen sie mich. Im Mai 2023 war es so weit. Kapuze übers Gesicht, die Hände mit einem Kabelbinder auf den Rücken gebunden. Dann Schläge — mit Kabeln, mit Händen, mit Stöcken. Über viele Monate. Sie verblutete beinahe innerlich, und das ist keine Metapher, das ist die klinische Akte.
Als das Regime Ende 2024 stürzte, stand Omran wenige Tage später wieder vor der Kamera. Sie berichtete über das neue Land. Sie sagte sich: Irgendwann kriege ich euch.
Schöner Satz. Sitzt wie eine Kugel im Magen. Aber wer, zum Teufel, ist dieses „euch"?
Hier beginnt die Akte, die niemand öffnen will. Hier beginnt mein Job.
Denn als das neue HTS-Regime im Januar 2026 Rakka eroberte, die Gebiete der kurdischen Selbstverwaltung, da verschwanden nicht weniger Menschen als unter dem alten. Sie verschwanden nur mit anderem Siegel. Die deutsche Journalistin Eva Maria Michelmann, geboren 1989, lebte seit 2022 in Rojava und arbeitete für kurdische Medien. Am 19. Januar 2026 wurde sie verhaftet, zusammen mit ihrem Kollegen Ahmet Polat. Offizielle Einsatzkräfte der HTS standen Seite an Seite mit den islamistischen Banden an der Treppe zum ersten Stock — nicht um zu helfen. Um zu übernehmen. Michelmann kam im Juni 2026 frei.
Mindestens hundert Tage Isolationshaft. Incommunicado. Schläge, Elektroschocks — Michelmann sagt, das sei in den Gefängnissen der HTS vollkommen üblich. Sie kann es bezeugen.
Und dann die Geschichte von Afrin. Eine große Gruppe von Menschen aus der kurdisch geprägten Stadt hatte im selben Jugendzentrum Zuflucht gesucht wie Michelmann. Ahmet Polat konnte verfolgen, dass sie hinter das Gebäude geführt wurden — zu einer Art ritueller Verlesung eines islamischen Gebets. Vierzehn kamen zurück. Sie wurden in einen großen Reisebus verladen, in grauenvoller Verfassung, mit geöffneter Kleidung, kaum fähig zu laufen. Die anderen? Michelmann fragt sich bis heute, was mit ihnen geschah. Im Auto waren Gespräche zu hören, allen Kurden müsse „die Kehle durchgeschnitten" werden.
Ahmet Polat, sagt Michelmann, befindet sich in akuter Lebensgefahr.
Lies das noch einmal. Langsam. Es ist kein Rückfall in alte Zeiten. Es ist die Fortsetzung mit anderen Händen, anderen Parolen, derselben Werkzeugkiste. Die Römer hätten es erkannt. Die Inquisition hätte es erkannt. Der Name an der Spitze wechselt; das System darunter wechselt nur die Sprache.
Und jetzt das Netz. Jene Glasfaser, jene Satellitenschüsseln, die 2011 die Aufstände trugen, die Kameras in die Keller und auf die Plätze brachten — heute? Nur ein Drittel der syrischen Bevölkerung war Ende 2025 überhaupt online. Vierzehn Jahre Krieg haben die Masten zerschossen, Glasfaser und Kupfer werden bis heute von organisierten Banden geklaut. Strom gibt es in den meisten Haushalten wenige Stunden am Tag. „Sehr, sehr langsam", schreibt ein Mann aus Damaskus per WhatsApp. Eine Frau aus Qamishli sagt, das Internet auf ihrem Smartphone sei zu teuer und reiche nur für WhatsApp und einfaches Browsen; für ihre Arbeit als Menschenrechtsaktivistin müsse sie an öffentliche Orte mit gutem WLAN — wo sie sich nicht sicher fühlt. Die Internetqualität war im März 2026 die zweitschlechteste der Welt.
Was wächst im Schweigen dieser Kabel? Fake News. Hetze. Das digitale Gift, das in das analoge Leben übergreift. Wer es kontrolliert, kontrolliert den Übergang. Wer den Übergang kontrolliert, kontrolliert das Land. Wer das Land kontrolliert, bestimmt, wer als Nächstes verschwindet.
Was wissen wir also wirklich? Wir wissen, dass ein Regime fiel und ein anderes seine Techniken mitnahm. Wir wissen, dass Omran „euch" sagte und damit vielleicht die Schergen meinte, die ihr das angetan haben — und vielleicht auch jene, die es jetzt wieder tun, mit anderen Stöcken, in anderen Kellern, unter anderen Gebeten. Wir wissen, dass Michelmann frei ist und Polat nicht, und dass vierzehn aus Afrin in einem Bus davongeführt wurden, während die übrigen — unklar bleibt, wer sie waren, wohin sie kamen, warum niemand die Frage stellt.
Wir wissen vor allem eines: Es wird nicht gefragt. Fragen verlangen Antworten. Antworten verlangen Täter. Und Täter — die wechseln nur das Tuch über der Kapuze.
Die Redaktion riecht nach kaltem Kaffee und kaltem Krieg. Evelyn ist längst gegangen. Und irgendwo in Damaskus sitzt jemand vor einer Kamera und sagt einen Satz, den dieses Land schon einmal gehört hat — nur diesmal in einer anderen Sprache.
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