Börse 1937
Terminal Tribune

8. August 2026

Dossier · Krisen & Konflikte

DAS GESPENST IM MINISTERIUM: WARUM FEDOROWS MASCHINE WEITERLÄUFT

8. August 2026 — Morrison, over and out.

Der Regen trommelt auf das Blechdach der Redaktion. Evelyn singt unten im Café ein trauriges Lied über Männer, die zu schnell verschwinden. Passend.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Denn oben geht es um einen Mann, der genau das getan hat. Mychajlo Fedorow, sechs Monate Verteidigungsminister der Ukraine, gefeuert von Wolodymyr Selenskyj am fünfzehnten Juli. Machtkampf mit der Armeeführung, heißt es. Schulterklopfen, Schweigen, Aktenvernichtung — das übliche Theater in einem Land im Krieg.

Aber irgendetwas stimmt nicht an dieser sauberen Erzählung.

Was Fedorow in diesen sechs Monaten angefasst hat, läuft weiter. Läuft besser als vorher. Läuft tief ins russische Hinterland hinein, zweitausend Kilometer und weiter. Raffinerien, Munitionslager, Rüstungsfabriken, Nachschubwege — Ziele, die das offizielle Kyjiw noch vor einem Jahr als unrealistisch abgetan hätte.

Was hat dieser Mann also wirklich gebaut, in der kurzen Zeit, die ihm blieb?

Reformen, die innerhalb weniger Monate die Beschaffung großer Drohnenmengen vereinfachten. Zusätzliche Mittel für Angriffe jenseits der Grenze. Eine Logik, die nicht auf den teuren westlichen Präzisionswaffen beruht, sondern auf Massenproduktion. Einfache Drohnen aus frei verfügbaren Bauteilen. Satellitennavigation, Trägheitsnavigation, Kameras mit automatischer Zielerkennung. Kein Wunderwerk. Ein Werkzeug. Hundertfach, tausendfach in die Luft geworfen, über Felder und Flüsse, bis ins Herz eines Landes, das sich sicher wähnte.

Und genau da beginnt die Mathematik, die Moskau nicht hören will.

Ein Drohnenschwarm kostet weniger als ein einziger Marschflugkörper. Fängt die russische Luftabwehr neunzig Prozent ab, fliegt trotzdem etwas durch. Fängt sie fünfzig Prozent ab, fliegen viele durch. Die ukrainische Rechnung ist schlicht: Masse schlägt Perfektion. Die russische Rechnung sieht anders aus — sie muss plötzlich jeden einzelnen Brennpunkt im eigenen Hinterland schützen. Überall. Nirgendwo zugleich. Die Luft wird dünn, wenn man gleichzeitig überall verteidigen muss.

Das ist der Punkt, an dem die offizielle Kyjiwer Lesart zu kippen beginnt. Denn Fedorow ist weg. Aber das Programm bleibt. Es überstand den Machtkampf im Ministerium. Es überstand den Abgang des Architekten. Es versorgt weiter jene Truppen im Süden und auf der Krim, deren Nachschublinien unter Druck stehen sollen. Die zweitausend Kilometer reichen jetzt weiter, als jede konventionelle Waffe es je geschafft hätte.

Wer also profitiert von dieser Kontinuität?

Sicher: die ukrainische Front. Jede getroffene Raffinerie, jedes blockierte Depot zwingt Moskau, Ressourcen dorthin zu schieben, wo sie nicht an der Front sind. Sicher: die westlichen Geber, die sehen, dass ihr Geld wirkt — billig, sichtbar, wiederholbar. Sicher: die kyjiwer Machtstruktur selbst, die sich rühmen kann, auch ohne den populären Fedorow Ergebnisse zu liefern.

Aber wer verschweigt was?

Unklar bleibt, wer die Fäden jetzt in der Hand hält. Fedorow galt als „beliebtester Minister" — Selenskyjs eigene Worte, wenn man den Zeitungen glaubt. Ein Mann, der digitalisierte, beschleunigte, modernisierte. Sein Abgang nach sechs Monaten ist kein normaler Personalwechsel. Das riecht nach Strukturkampf zwischen ziviler Beschaffungslogik und militärischer Kommandogewalt. Wer hier wen rausgedrängt hat — die Akten dazu sind nicht öffentlich, und werden es vermutlich auch nicht werden.

Unklar bleibt auch, wie tief die Programme tatsächlich im Apparat verwurzelt sind. Die Quellen sprechen von Reformen innerhalb weniger Monate. Das klingt nach Beschleunigung, nicht nach Aufbau. Was also stand vorher da? Welche Strukturen hat Fedorow vorgefunden — und welche hat er nur umgelenkt? Ohne Antwort auf diese Frage bleibt jeder Abgang eine Blackbox.

Unklar bleibt vor allem, warum die offizielle Erzählung so schnell so dünn wird. Fedorow raus, Armee triumphiert, Fedorow-Programme eingestellt — das wäre die saubere Geschichte. Stattdessen fliegen die Drohnen weiter. Die Programme laufen. Das Hinterland brennt weiter, und kein Sprecher in Kyjiw erklärt, warum.

Es gibt zwei Sorten Macht in diesem Krieg. Die eine sitzt in Büros und wechselt alle paar Monate das Gesicht. Die andere sitzt in Codes, in Lieferketten, in Werkstätten, die niemandem gehören und gerade deshalb jedem dienen. Fedorow war das Gesicht der zweiten Sorte. Sein Verschwinden ändert daran nichts.

Männer kommen und gehen.

Maschinen nicht.

Die Maschine läuft.

❖ Ende des Artikels ❖

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