Die Knochenbilanz: Sechs, vier — wer lügt hier?
Der Rauch hängt noch über Kiew, da fangen die Zahlen schon an zu stinken. Russland schlägt zu in der Nacht — Raketen, Drohnen, das volle Sortiment aus dem Werkzeugkasten des Schreckens. Hypersonische Zircon, Iskander-Ballistik, oben drauf 125 Drohnen, meldet die ukrainische Luftwaffe. Die BBC schreibt es. Ich schreib es ihr nach. Aber bleiben wir nicht beim Blech. Bleiben wir bei den Knochen.
Die Stadt brennt. Wohnblocks stehen in Flammen. Bürgermeister Klitschko — Vitaliy, einst ein Mann, der Schläge austeilte, jetzt einer, der sie einsteckt — spricht von zivilen Opfern, von Verletzten, von einer Nacht, die niemand in Kiew vergessen wird. Die NPR bestätigt das Grundgerüst: Tote, Verwundete, ballistische Geschosse mitten in der Nacht, der Himmel über der Stadt eine einzige Falle. Aber Moment. Halt. Bleistift raus.
Kiew sagt: sechs Tote. Darunter ein Kind. So steht es in dieser Akte, in dieser Nacht. Aber dann blättert man um. Der AP-Report aus einer anderen Nacht, gleicher Krieg: mindestens zehn Tote, hundert Verletzte. The Independent, wieder eine andere Nacht: zwei Tote, neunzehn Verletzte. Drei Berichte. Drei Zahlen. Die Wahrheit hat hier mehr als ein Gesicht, und keines davon lächelt.
Und jetzt Moskau. Moskau, das ewige andere Ende der Strippe. Vier Tote, sagt der Kreml. Vier. Also: minus zwei im Vergleich zu Kiew. Zwei Menschenleben, die irgendwo zwischen den Zeilen verschwinden — abgezogen wie Rabatt von einer Rechnung, die niemand prüft. Was wurde aus dem Kind? Ach, das Kind zählt offenbar nicht in der Moskauer Buchführung. Oder es hat nie existiert. Oder es existiert, aber falsch.
Wem nützt das?
Kiew braucht die Opfer. Jedes tote Kind ist ein Argument auf der Weltbühne, jeder Verletzte eine Schlagzeile, die westliche Waffenlieferungen öffnet. Sechs klingt nach Massaker. Vier klingt nach Kollateralschaden. Die Mathematik der Empörung ist kalt und präzise, und beide Seiten rechnen damit.
Moskau braucht die Vier. Vier heißt: Präzisionsschlag, fast schon human, die andere Seite übertreibt mal wieder. Vier heißt: weitermachen, niemand schaut hin. Wer kontrolliert die Pressestelle am Ende der Strippe? Niemand. Und genau deshalb lügen beide.
Aber bleiben wir nicht bei den Toten allein. Bleiben wir bei den Lebenden und bei dem, was kaum einer erwähnt.
Die Ukraine schlägt zurück. Ein Logistik-Hub brennt, heißt es. Ein Nachschub-Knotenpunkt irgendwo im russisch gehaltenen Gebiet. Drohnen haben russische Vorstöße zum Stillstand gebracht, schreiben die Quellen, die keinen Namen tragen. Russland kommt nicht mehr voran. Das ist ein Fakt, der zwischen den Lügen hindurchschimmert wie eine Münze in einer schmutzigen Pfütze.
Doch wie viele Tote auf der anderen Seite? Unklar. Moskau schweigt. Kiew sagt nichts Konkretes. Die Buchhaltung funktioniert in beide Richtungen, nur die Kassen sind unterschiedlich beschriftet.
Ich sitze hier, Bourbon in der Schublade, Evelyn singt unten im Café, der Regen klopft gegen die Scheibe der Redaktion wie ein Klient, der Antworten will. Und ich frage Sie, geneigter Leser: Wem glauben Sie? Dem Bürgermeister, dessen Stadt brennt? Dem Kreml-Sprecher, dessen Stadt nicht brennt, dessen Lügen aber auch?
Cäsar hat seine Gefallenen gezählt, am Ende zählte er nur sich selbst. Roosevelt hat die Arbeitslosen gezählt, am Ende zählte er die Hoffnung. Hier zählt niemand — hier wird gerechnet. Und jede Seite rechnet für sich.
Hier ist, was ich weiß, und es ist nicht viel: Es gab einen Angriff. Er war schlimm. Er war geplant. Er war in der Nacht. Es gab Tote, es gab Verletzte, es gab ein Kind, das wahrscheinlich keine Zahlen mehr braucht, weil es weg ist. Die genaue Zahl? Sechs? Vier? Zehn? Fragen Sie die, die es wissen müssten, und Sie werden fünf verschiedene Antworten bekommen.
Was ich nicht weiß, ist schlimmer: Warum lügen sie? Was wird mit der Differenz gekauft? Ein Sanktionspaket? Ein Platz im Geschichtsbuch? Eine Waffenlieferung aus dem Pentagon? Die Knochen kennen die Antwort nicht. Die Knochen sind zu still.
Morgen früh werden sie wieder rechnen. Kiew nach oben, Moskau nach unten, alle Welt mittendrin. Und wir, die wir zuhören, werden wieder eine Zahl glauben, die uns eine Seite als Wahrheit verkauft. Welche? Suchen Sie es sich aus.
Schalten Sie das Licht aus, wenn Sie gehen. Hier riecht es nach Asche und nach alter Tinte.
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