Afrophobie — das Schweigen hinter dem Regenbogen
In Wien fülle ich Formulare aus. In dieser Woche erzählt mir jemand aus Pretoria, dass in Johannesburg Menschen auf offener Straße nach der Sprache aussortiert werden. Wer kein Zulu spricht, ist schon verurteilt. Sie sagt das ohne Stimme. Ich sage nichts. Ich setze meinen Stift an und frage mich, welches Recht hier noch gilt — dort und hier.
Südafrika, einst der Regenbogen der Welt, nennt das, was jetzt auf seinen Straßen geschieht, inzwischen beim Namen: Afrophobie. Schwarze Südafrikaner wenden sich gegen illegale Migranten. Südafrika wird zerrissen. So die Überschriften. Was sie nicht sagen: wovon dieses Land seit Jahrzehnten zerrissen wird.
Die Rainbow Nation wurde 1994 erzählt. Eine Versöhnung, die das Land tragen sollte. Dreißig Jahre später trägt sie nichts mehr. Wenn der Nachbar aus Simbabwe, Mosambik oder Nigeria auf der Baustelle steht und für weniger arbeitet, ist die Wut schneller da als jeder Paragraf. Es sind nicht die Migranten, die das System gebrochen haben. Es ist das System selbst, das nie ganz gehalten hat.
«Die Südafrikaner wurden durch Ausländer ersetzt, die Arbeitslosigkeit steigt.» So spricht Jacinta Ngobese-Zuma, Gründerin der Bewegung March and March, eine ehemalige Radiomoderatorin, die nun wöchentlich durchs Land zieht und Demonstrationen organisiert — bis jeder Illegale «rausgeworfen» ist. Sie sagt das laut. Sie sagt es vor Kameras. Und sie sagt es, weil es trägt. Wer bezahlt diese Frau? Wer füllt die Busse? Wer schreibt die Reden? Die Spuren verlaufen sich. Ich habe die Stimme, die laut ist. Ich habe keine Belege für die Stimmen, die bezahlen. Unklar bleibt, wer hinter March and March wirklich steht.
Denn was auf den Straßen passiert, ist mehr als Mob. Die Angreifer gehen nach Klang allein. Wer kein Zulu spricht, ist schon verurteilt. Eine Sprache als Waffe, gegen Menschen, die vor genau derselben Sprache einst flohen. Das ist nicht spontan. Das ist Mechanik.
Die Zahl der Toten? Umstritten. Die Quellen sprechen von Zusammenstößen, von Toten — aber wie viele, das sagt jede Stelle anders. Wer zählt, wenn die Leichen schwarz sind und schwarz gegen schwarz kämpft? Hier wird gezählt, dort wird geschwiegen. Die Diskrepanz ist nicht Zufall. Sie ist Teil der Geschichte.
In Orania, dem Weißenstädtchen mitten im Land, wird derweil kein einziger Stein von einem schwarzen Arbeiter gelegt. Die Gärten, die Regale, die Böden — alles in Händen weißer Afrikaner, die sonst keine Arbeit finden. Das ist die Kehrseite des Regenbogens, scharf und deutlich. Wer dort lebt, redet nicht über Einheit. Wer dieses Modell feiert, schweigt über das, was rundherum geschieht.
Es gibt eine zweite Front. An der Grenze zwischen Marokko und Spanien sterben Menschen, weil die Sicherheit hochgefahren wurde. Tausende versuchen den Sprung. Europa schaut zu, schickt Kameras, schickt keine Menschen. Zwei Kontinente, dieselbe Mechanik. Wer arm ist, flieht. Wer reich ist, baut Zäune. Dazwischen sterben die, die keiner haben wollte.
Ich sitze in Wien und fülle Formulare aus. Asylrecht. Aufenthaltsrecht. Arbeitserlaubnis. Alles Papier, alles Macht. Und am Ende steht immer ein Mensch, der weder lesen kann, was über ihn entschieden wird, noch atmen kann, wo er atmen möchte.
Was ich suche, ist die Struktur hinter der Wut. Wer finanziert die Mobilisierung, die jetzt durch Südafrikas Straßen zieht? Wer profitiert von einer Wirtschaft, die auf Angst vor dem Fremden gebaut ist? Wer schweigt, wenn die Zahl der Toten nicht stimmen darf? Die Spuren verlaufen sich im Nebel aus Paragrafen, Polizei und alten Netzwerken. Südafrika war einmal der Traum eines Kontinents. Heute ist der Traum ein Marktplatz, auf dem mit Angst gehandelt wird.
Die Gewehre sind nicht neu. Die Hände, die sie halten, sind es auch nicht. Was neu ist, ist die Bereitschaft, öffentlich zuzugeben, dass der Regenbogen nichts wert war, solange er nur Versprechen war.
Ich habe einen kleinen Koffer unter dem Schreibtisch. Für alle Fälle.
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