Pyrocumulonimbus über Bordeaux — das Wetter ist neu, das Versagen nicht
Bordeaux, der 25. Juli. Über dem Wald bei Le Grand Crohot steigt etwas auf, das hier niemand zuvor gesehen hat. Eine Feuerwolke. Pyrocumulonimbus, sagen die Meteorologen. Ein Wolkengebilde, das vom eigenen Feuer getragen wird, hoch genug, um Blitze nach unten zu werfen und Winde zu drehen, die jeder Feuerwehr den Plan zerreißen. Frankreich hat seine erste amtliche Feuerwolke. Das Land atmet Rauch. Über Spanien, in der Region Madrid, dasselbe Bild: Hubschrauber, Wasser, Rückzugsgefechte. Sierra Oeste brennt. Ávila brennt. Tausende Menschen in Sälen und auf Straßen.
Wer jetzt vom Wetter spricht, lügt sich in die Tasche. Wetter war gestern. Heute ist die Rechnung.
Ich saß vorgestern Nacht in der Redaktion, Bourbon in der Schublade, als der französische Wetterdienst bestätigte, was seine eigenen Modelle seit Wochen ausspucken. Jean-Christophe Vincendon, der Koordinator für Waldbrandfragen bei der nationalen Meteorologie, sagt es selbst: Man kann die Bedingungen erkennen, die eine Feuerwolke begünstigen. Man kann sie nicht voraussagen. Nicht wann. Nicht wo. Marc Vermeulen, Gironde, sagt dasselbe, nur lauter: Die Wolke zwingt uns, die Evakuierungszonen zu erweitern, weil das Feuer unberechenbar wird.
Unberechenbar. Das ist das Wort, das sie alle benutzen, wenn das System überfordert ist. Unberechenbar heißt: Wir hatten keinen Plan. Wir haben keinen Plan. Wir werden keinen Plan haben.
David Bowman, Professor für Pyrogeographie an der Universität von Tasmanien, nennt das, was über Frankreich steht, einen „sehr ernsten Meilenstein". Bowman ist höflich. Bowman sagt nicht, was die Sache wirklich ist. Bowman sagt nicht, dass die Feuerwolke kein Phänomen ist, das man entdeckt. Sie ist eine Rechnung, die fällig wird. Wer im Juli eine Hitzewelle über Bordeaux fährt, wer die Wälder monatelang ohne ausreichende Brandwachen lässt, wer die Evakuierungsstrategien dem Notfall überlässt statt dem Plan, der bekommt keine Feuerwolke geschenkt. Der kassiert sie.
Macron hat gesagt, dies sei die schlimmste Krise Frankreichs seit dem Zweiten Weltkrieg. Stimmt. Aber der Vergleich hinkt auf eine Art, die dem Élysée nicht gefallen wird. 1944 wurde Frankreich überfallen. Diesmal überfällt sich Frankreich selbst. Mit jedem nicht unterschriebenen Klimagesetz, mit jedem vertagten Subventionsstopp für fossile Heizungen, mit jeder Pressekonferenz, auf der ein Minister die Verantwortung an die Kommunen schiebt, an die EU, an den Himmel.
Über vierhundertzwanzig Quadratkilometer haben die Flammen in der Gironde allein seit letzter Woche gefressen. Hunderttausende wurden evakuiert. Die Wirtschaft, die gerade von der Touristensaison leben sollte, sieht zu, wie ihre Kassen in Asche fallen. Die Warnung aus Brüssel, die Brände könnten bis in den November hinein lodern, ist keine Weissagung. Es ist eine Bitte. Bitte hört auf zu warten.
Ich sage, was ich seit Jahren sage. Die Feuerwolke ist nicht der Feind. Die Feuerwolke ist der Bote. Der Bote ist schon da. Wer nicht hört, ist nicht taub. Wer nicht hört, ist beschäftigt. Beschäftigt damit, die Schuld von einer Wahlperiode in die nächste zu tragen. Beschäftigt damit, in Brüssel Erklärungen zu formulieren, die nichts kosten. Beschäftigt damit, die wissenschaftlichen Warnungen so lange zu zerreden, bis die nächste Generation das Problem erbt.
Unklar bleibt, wer in den Ministerien seit Jahren wusste, dass die atlantische Waldbrandzone sich nach Norden ausdehnt. Unklar bleibt, welche Berichte in den Schubladen liegen — ich kenne diese Schubladen, ich habe in der großen Depression die ersten Bögen über genau dieses Versagen getippt, datiert, abgeheftet, nicht weitergeleitet. Unklar bleibt, warum die Kapazitäten der Löschflotte in Bordeaux nicht längst verdoppelt wurden. Die offene Frage ist nicht, ob das Wetter verrückt spielt. Die offene Frage ist, wer davon profitierte, dass es noch ein Jahr, noch zwei, noch fünf so weitergehen durfte.
Spanien zeigt die Antwort in Zeitlupe. Madrid. Ávila. Sotillo de Adrada. Nachtaufnahmen der Guardia Civil, in denen die Hügel glühen wie Schlacke. Hitze. Trockenheit. Dieselbe Mischung, die Frankreich gerade verschlingt. Und wieder dieselbe Geste: Hubschrauber, Wasser, Gebete. Man kann das Land nicht evakuieren, das in Brand steht. Man kann nur zuschauen, wie die Politik das Waldsterben als Naturereignis verkauft.
Die Feuerwolke bricht zusammen, wenn sie ihre Energie verliert. Dann regnet es glühenden Schutt auf alles darunter. Bowman hat das gesagt. Plume Collapse. Das ist die Metapher dieser Zeit. Das System bricht zusammen, und was herabregnet, ist das, was wir jahrelang in die Höhe getrieben haben.
Wer jetzt noch glaubt, das hier sei ein Wetterbericht, soll weiter glauben. Die anderen wissen: Es ist ein Vorfall. Gemeldet, nicht verhindert. Die Uhr läuft. Die Feuerwolke steht.