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9. August 2026

Dossier · Krisen & Konflikte

Joint Training – die schönste Umschreibung für Besatzung

9. August 2026 — Morrison, over and out.

Es gibt Wörter, die klingen wie Frieden, und Bedeutungen, die nach Kette schmecken. „Joint Training and Capacity-Building Centres" – so steht es geschrieben, so verkündet es die syrische Nachrichtenagentur SANA am neunten August dieses komischen Jahres 2026, und ich frage mich, wer in Damaskus eigentlich noch glaubt, dass das Papier wert ist, auf dem es gedruckt wurde.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Achtzehn Monate haben sie verhandelt. Achtzehn Monate, in denen Russland auf seinen beiden letzten Stützpunkten außerhalb des einstigen Sowjetreichs saß wie ein Ertrinkender auf einem Brett, und Damaskus zusah, wie der Hebel langsam, ganz langsam zu seinen Gunsten kippte. Assad ist weg, seit 2024. Mit ihm weg: Putins bequemer Zugriff aufs Mittelmeer, die Logistik, die Luftbrücke, die ganze Schmuggelmaschinerie, die Moskau dreizehn Jahre lang am Laufen hielt. Was blieb? Hmeimim, die Luftbasis nahe Latakia. Tartous, der Marinestützpunkt an der syrischen Küste. Zwei Punkte auf der Karte – und in Moskau wusste man: Wenn diese fallen, fällt der letzte Fußabdruck der ehemaligen Supermacht im warmen Wasser.

Also wurde verhandelt. Man reiste nach Moskau. Zweimal empfing Putin den neuen starken Mann aus Damaskus, diesen Ahmed al-Sharaa, und beide Male sprach man von „Wiederherstellung der zwischenstaatlichen Beziehungen". Schöne Floskel. Wer zahlt da was? Wer schuldet wem? Al-Sharaa, der einst selbst gegen Assad kämpfte, pries Russlands „historische Rolle". Eine historische Rolle ist das, was Verlierer sich ausdenken, wenn sie nicht mehr gewinnen.

Dann, am Sonntag, der Auftritt. Ein „historic memorandum of understanding", sagt SANA. Drei Monate Frist. Die zivilen Anlagen gehen an Damaskus. Der Flughafen von Latakia, direkt neben Hmeimim, soll von der syrischen Zivilluftfahrt übernommen werden. Omar al-Hasri, der Chef der Behörde, sprach von „wichtigen Schritten" und „technischer Bewertung". Ich höre das Wort und denke an jene Experten, die in den dreißiger Jahren in Berlin die „technische Bewertung" der deutschen Wiederaufrüstung vorgenommen haben – und an alle, die wegschauten, weil die Papiere so seriös aussahen.

Seien wir ehrlich. Moskau hat nicht offiziell kommentiert. Das Schweigen allein ist schon das halbe Geständnis. Wer schweigt, hat verhandelt. Wer verhandelt, hat nicht bekommen, was er wollte. Wer nicht offiziell kommentiert, lässt sich ein Hintertürchen offen – in der Sprache der Diplomatie heißt das: Wir sind noch da, auch wenn wir gerade nicht hinschauen.

Was wurde also getauscht? Die offizielle Lesart: Kooperation. Beidseitiger Nutzen. Eine neue Ära. Die skeptische Lesart – und Sie wissen, dass ich nichts anderes kann – sieht so aus: Russland behält die militärische Infrastruktur, die Landebahnen, die Treibstofflager, die Häfen, die Kommunikationssysteme. Man klebt ein neues Etikett drauf. „Joint Training." Klingt nach Partnerschaft. Riecht nach Garnison. Damaskus bekommt das zivile Beiwerk zurück, ein paar Verwaltungsgebäude, vielleicht ein Terminal. Das große Tafelsilber bleibt, wo es war.

Und wer profitiert? Moskau, weil es ohne Tartous und Hmeimim ein regionaler Niemand wäre – von über einhundert militärischen Positionen in Syrien vor Assads Sturz auf zwei geschrumpft, wie unser Korrespondent aus Damaskus notiert. Das ist kein Schrumpfen. Das ist ein Sterben auf Raten. Jede Basis, die verloren geht, ist ein Stück Hebel weniger in Libanon, in Afrika, in der gesamten Wasserstraße zwischen Gibraltar und Suez. Zwei Stützpunkte, und Moskau kann noch mitreden. Null Stützpunkte, und es wird zur Hintergrundfigur.

Damaskus, sagen Sie? Schauen wir genauer hin. Präsident Sharaa hat Assad gestürzt mit einer islamistischen Wende, hat Russland zweimal in Moskau besucht, hat den Kreml-Chef als Partner gelobt. Jetzt steht da: nationale Souveränität sei nicht verhandelbar. Hat das einer geglaubt? Eine Regierung, die einem fremden Staat erlaubt, seine Militärbasen als „Trainingszentren" weiterzuführen, während sie gleichzeitig Souveränität beschwört – das ist kein Staat. Das ist ein Mieter. Und der Vermieter steht auf syrischem Boden und tut, was er will.

Der Außenminister Asaad al-Shaibani reiste am Sonntag persönlich zu den Anlagen, um sie „zu inspizieren". Inspizieren. Als hätte er sie gerade erst entdeckt. Achtzehn Monate Verhandlung, und dann die feierliche Inspektion. Das ist Theater. Das ist römisches Triumphritual in umgekehrter Richtung – nicht der Eroberer kommt, sondern der Eroberte tritt auf und sagt: Schaut, ich habe sie nicht verloren.

Drei Monate, sagt das Memorandum. In drei Monaten soll der Prozess abgeschlossen sein. Ich frage mich, welche Verträge in drei Monaten schon unterzeichnet werden – und welche in drei Monaten vergessen sind. Die Geschichte lehrt: Was als „Übergangsphase" beginnt, endet als Dauerzustand. Die Römer nannten solche Anlagen „castra". Sie blieben zweihundert Jahre. Die Briten sprachen von „Stützpunkten". Manche stehen heute noch.

Was offen bleibt, nachdem der Staub sich legt: Was genau wird in diesen „Trainingszentren" trainiert? Wer bildet wen aus? Auf wessen Befehl? Wer zahlt die Gehälter der russischen Offiziere, die bleiben werden? Und vor allem: Was erhält Damaskus wirklich zurück – und was nur auf dem Papier?

Draußen regnet es. Das Café unter der Redaktion schickt Lichtstreifen durch die Jalousien. Evelyn summt ein altes Lied, das ich nicht benennen kann. Der Bourbon in meiner Schublade wartet. Und ich denke an Damaskus, an Tartous, an die Männer auf beiden Seiten des Verhandlungstischs, die jetzt so tun, als hätten sie gewonnen.

Morgen werden sie feiern. In Damaskus wird man die zivilen Anlagen hissen, in Moskau wird man durchrechnen, was an Einfluss blieb. Und das Volk zwischen den Mächten? Es bekommt weiterhin nichts als die nächste Seite im Lehrbuch der Mächtigen.

Die Basen bleiben.

❖ Ende des Artikels ❖

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