Stille Demontage: Burnhams Krieg gegen die KI-Aufsicht
London, Ende Juli 2026. Auf meinem Schreibtisch dampft kalter Kaffee, im Hintergrund das Prasseln eines Radios, das nur Frequenzen einfängt, die andere wegdrücken. Auf einer Leitung die Erdrutsche in den Ifugao-Terrassen, wo ein Taifun im November 2,2 Hektar Reisterrassen zermalmte. Auf einer zweiten die Kyoto-Region, wo Bauern ihre Matcha-Pflänzchen genetisch auf Hitzetoleranz trimmen, weil die Frühlingstemperaturen in hundert Jahren um ein Grad gestiegen sind. Auf der dritten, der wichtigsten, das kurze Statement aus der Downing Street: Das Department for Science, Innovation and Technology ist aufgelöst. Die KI-Sicherheitsbehörde wandert ins Cabinet Office. Tschüss, Aufsicht.
Die Schlagzeilen, die Sie heute lesen, handeln von China, vom Klimawandel, von einem Premierminister, der Bier zapft und Inhalt dreht. Die Schlagzeile, die Sie nicht lesen: Großbritannien hat die einzige staatliche Stelle abgeschaltet, die bislang in der Lage war, Hochrisiko-KI-Modelle unabhängig zu prüfen.
Ich bin Telegraphistin. 1937 hatte eine Frau an dieser Schreibmaschine nichts zu suchen. Ich sitze trotzdem hier. Genau deshalb höre ich Frequenzen, die anderen zu hoch sind.
Das DSIT, eingerichtet unter Rishi Sunak, galt als führende Autorität für KI-Sicherheit. Es war die Adresse, an die sich Firmen wie Anthropic wandten, wenn sie ein neues Modell — etwa das Hochrisikomodell Mythos — auf Funktionalität und Sicherheit testen lassen wollten. Nun wandert sie ins Cabinet Office. Das klingt nach Aufwertung. Es ist das Gegenteil. Das Cabinet Office ist ein Bündel von Querschnittsaufgaben, ein Generalist, der alles koordiniert und nirgendwo tiefe Expertise hält. Fachlichkeit versickert dort. Sie landet in einem Strategiepapier, das niemand liest.
Zur Begründung schickt Burnham einen neuen Minister ins Rennen: Kanishka Narayan, als talentiert beschrieben, künftig am Kabinettstisch. Das ist die Geste. Stimmungspolitik statt Strukturpolitik. Narayan bekommt einen Titel, aber kein Labor, kein Testteam, keine methodische Tiefe. Er bekommt ein Foto mit dem Premier und die Aufgabe, irgendetwas zu beaufsichtigen, das er nicht mehr unter den Füßen hat.
Warum das alles? Weil das DSIT ein Erfolg der Vorgängerregierung war. Tory-Erfolg? Geht gar nicht. In der Erzählung der Glorreichen Revolution, die Labour sich zurechtlegt, darf das nicht vorkommen. Also weg damit. Politische Hygiene, sagt man in der Hauptstadt. Ich nenne es Sabotage an der eigenen Zukunft.
Sarah Vine hat ausgesprochen, was in den Redaktionen seit Monaten gemurmelt wird: KI ist die ernsteste Bedrohung unserer Zeit, schwerer wiegend als Russland, China, der Klimawandel und der Atomkrieg zusammengenommen. Nicht weil Maschinen böse sind — das ist die naive Lesart der Kinofilme. Sondern weil die Geschwindigkeit, mit der Modelle wie Mythos entstehen, die Geschwindigkeit unserer Aufsicht bei Weitem übersteigt. Wer ein Hochrisikomodell nicht mehr testen lässt, wer die Prüfstelle in ein Querschnittsressort verlegt, lässt den Bremser vom Wagen springen, während der Wagen bereits talwärts rollt.
Während die Kameras auf Pub Snacks und Wimperntusche gerichtet sind, während die Erderwärmung in den Welterbestätten ihre Risse hinterlässt und die Matcha-Bauern ihre Pflänzchen auf Hitzetoleranz selektieren müssen — während all das passiert, wird die einzige staatliche Bremse der digitalen Welt leise demontiert.
Das ist kein Versäumnis. Das ist ein Muster. Es heißt Ablenkung. Große Erzählungen über Geopolitik und Klima sind nicht falsch. Aber sie sind nützlich. Sie füllen die Agenda. Sie lassen die Frage nach der Kontrolle über die mächtigste Technologie, die wir je gebaut haben, klein und technisch und irgendwie unwichtig erscheinen. Wer soll sich schon damit befassen, wenn der Premier einen Chancellor auf Bierranglisten schickt?
Doch die Fakten sind hässlich. Mythos, eingestuft als Hochrisiko, wurde noch vor Kurzem von einer unabhängigen staatlichen Stelle geprüft. Heute liegt diese Prüfstelle in einem Amt, das mit Migration, Kabinettskoordination und Hofämtern beschäftigt ist. Offen bleibt — und kein Sprecher Burnhams wird es beantworten: Wer hat verfügt, dass ein Modell dieser Risikoklasse künftig nicht mehr systematisch extern geprüft wird? Welche Stimme im Hintergrund hat das verlangt? Wessen Geschäftsmodell wird geschützt, wenn die Aufsicht verschwimmt?
Es gibt mächtige Akteure — Konzerne, Investoren, Berater — die von einer KI-Welt ohne staatliche Bremse profitieren. Geschwindigkeit schlägt Vorsicht. Wer zuerst skaliert, gewinnt. Eine prüfende Behörde ist Reibungsverlust. Also wird sie weichgezeichnet, bekommt keinen Titel, keinen Haushalt, keine eigene Expertise, darf im Cabinet Office verwelken.
Die politische Trägheit, die Sarah Vine Burnham vorwirft, ist kein Charakterfehler eines einzelnen Mannes. Sie ist eine Ressource, die von vielen genutzt wird. Sie ist das Einverständnis, dass die Frage, wer unsere Zukunft programmiert, noch einmal aufgeschoben werden kann. Aufgeschoben, bis es zu spät ist.
Die Drähte summen. Ich höre genau hin. Was ich höre, ist nicht das Rauschen eines vorübergehenden Streits. Es ist das leise Klicken, mit dem eine Sicherung aus dem Sicherungskasten gezogen wird. Wenn jemand eine Wache abstellt, dann nicht, weil er beruhigt ist. Sondern weil er nicht mehr gestört werden will.
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