Börse 1937
Terminal Tribune

10. August 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

RADIKAL 2.0 — Wie FDRs Etikett heute als Code weiterlebt

10. August 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

Das Kabel nach Washington summt wieder. Es summte 1935, als Franklin Roosevelt die Sozialversicherung unterschrieb und seine Gegner ihm das Etikett „radikaler Sozialist" umhängten, als sei die Rente eine bolschewistische Verschwörung. Es summt heute, am 5. August 2026, wenn der Senatsausschuss für Finanzen zur Anhörung „Exploring Process Approaches for Addressing Social Security Solvency" zusammenkommt. Der Bericht aus dem Juni liegt auf dem Tisch: 2032 ist das Programm zahlungsunfähig. Sechs Jahre.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Ich habe 1937 angefangen, Depeschen zu tippen. Damals waren Etiketten gedruckt — Zeitungen, Plakate, Radio. Heute sind sie Daten. Sie heißen Klassifikation, Targeting, Mikro-Segmentierung. Das Wort hat sich geändert. Das Prinzip nicht.

Senator Chris Van Hollen aus Maryland hat am Montag bei CNN, in der Arena bei Kasie Hunt, den alten Vergleich gezogen. Hört auf, die Demokraten Kommunistische Partei zu nennen. Erinnert euch, wie man FDR als Kommunisten und radikalen Sozialisten beschimpfte, als er die Sozialversicherung aufbaute. Beide Seiten werfen Etiketten. Das ist sein Punkt.

Aber hier beginnt meine Arbeit, nicht die der Stenographin.

Wer profitiert davon, dass „radikal" weiterhin ein Kampfbegriff bleibt? Wer profitiert davon, dass die Democratic Socialists of America — nach eigenen Angaben die größte sozialistische Organisation in der amerikanischen Geschichte, mit über 120.000 Mitgliedern Stand Juli 2026 — als gefährlicher Flügel einer angeblich gemäßigten Partei behandelt wird? Wer profitiert, wenn eine 29-jährige demokratische Sozialistin namens Melat Kiros in Colorado eine 29-jährige Amtsinhaberin, Diana DeGette, aus dem Sattel hebt? Wer profitiert, wenn Rashida Tlaib aus Michigan, eine der „Squad", im zwölften Kongressdistrikt ihre fünfte Amtszeit sichert, gestützt auf die Forderungen der DSA nach bezahlbarem Wohnraum, sauberer Luft und dem Ende eines Völkermords? Wer profitiert, wenn die New Yorker Kandidatur von Zohran Mamdani, unterstützt von Sozialisten wie Darializa Avila Chevalier, die den Amtsinhaber Adriano Espaillat schlug, als kommunistische Bedrohung gerahmt wird?

Die Antwort ist nicht „die Republikaner". Die Antwort ist kälter: die Industrie der Spaltung. Wer Polarisierung verkauft — Datenbroker, Werbeplattformen, Microtargeting-Firmen —, braucht sortierbare Etiketten. „Radikaler Sozialist" ist ein Datenpunkt. „Moderater Demokrat" ist ein Datenpunkt. Der Algorithmus füttert sich von beidem.

FDRs New Deal wurde mit denselben Vokabeln bekämpft. Die Schlagzeilen von 1935 könnten 1:1 in den Feed von 2026 kopiert werden, und der Algorithmus würde sie mit gleichem Vergnügen verstärken. Das ist die Kontinuität, die Van Hollen benennt, ohne sie ganz auszusprechen.

Die Sozialversicherung selbst steht zur Debatte. Der Senat hört Zeugen. Was passiert mit den Ältesten, wenn das Geld 2032 ausgeht? Hinter dieser offiziellen Frage steht eine zweite, die nicht ausgesprochen wird: Welche Datengrundlage nutzt das System zur Berechnung von Ansprüchen, wer überwacht diese Daten, wessen Modell hat Vorrang, wenn die Kürzungen kommen?

1937 gab es Lochkarten. Die Sozialversicherungsnummer war eine physische Markierung, gestanzt in Karton. 2026 ist sie ein Knotenpunkt in Datenbanken, abgeglichen mit Einkommen, Beschäftigung, Aufenthalt, Gesundheitsakten. Die Definition von „radikal" — oder „bedürftig", oder „anspruchsberechtigt" — wird nicht mehr in Reden ausgefochten. Sie wird in Datensätzen verhandelt.

Hier wird es interessant. Unklar bleibt, welche konkreten algorithmischen Systeme derzeit bei der Bearbeitung von Sozialversicherungsansprüchen eingesetzt werden — die Anhörung am 5. August könnte darüber Aufschluss geben. Unklar bleibt auch, wer genau die Etikettierung „radikaler Sozialist" in moderne Klassifikationssysteme einspeist. Aber das Muster ist sichtbar: Wer ein Etikett definieren kann, definiert eine Spalte in einer Tabelle.

Van Hollen sagt, die Demokratische Partei sei ein großes Zelt. Er hat recht, und gleichzeitig hat er unrecht. Ein Zelt ist eine physikalische Metapher. Die moderne Politik funktioniert nicht mehr unter einem Tuch, sondern in Datenclustern. Wähler werden nicht überzeugt; sie werden sortiert. Und wer das Sortieren kontrolliert, kontrolliert die Wahlen.

Wer die Daten kontrolliert, kontrolliert die Definition von „radikal". Wer die Definition kontrolliert, kontrolliert, welche Programme — ob Sozialversicherung, ob Wohnen, ob Gesundheit — als „radikal" etikettiert und damit politisch unbrauchbar gemacht werden können.

Damals, 2020, sagte die damalige Abgeordnete Abigail Spanberger sinngemäß: Sagt nie wieder das Wort Sozialismus. Kehrt zu den Grundlagen zurück. Sechs Jahre später ist genau diese Forderung vom Tisch gefegt. Die Daten haben sich bewegt.

FDR hat 1935 nicht gewusst, was kommt. Er wusste nur, dass die Maschine gegen ihn lief. Ich sitze an einem anderen Apparat. Die Drähte summen noch. Aber der Algorithmus summt lauter.

Das ist die Frequenz, die ich höre. Sie klingt wie 1935. Nur tiefer, schneller und kälter geworden.

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