Sechs Muskeln, sechs Lügen: Was das Schielen wirklich ist
Berlin, im Funken. Eine alte Großmutter flüstert mir ins Ohr: „Wenn du schielst, bleiben die Augen so stehen." Ich höre zu. Ich notiere. Ich prüfe.
Die Behauptung gehört zum eisernen Bestand der Erziehung — neben dem viereckigen Auge vom Fernseher und der Lesestunde bei Kerzenlicht. Drei Mythen, eine Quelle: das Halbwissen, weitergegeben wie ein Erbschaden. Heute jage ich Nummer drei. Den Mythos vom stehenbleibenden Auge. Der Auftrag lautet: mechanisch zerlegen, physiologisch prüfen, populär zerstören. Die Fact-Checker von correctiv gehen jede Behauptung mit mir durch. Keine Gnade für Halbwissen.
Die Frage ist physikalisch. Sechs Muskeln bewegen jeden Augapfel — vier gerade, zwei schräge. Sie greifen am Augapfel an wie Drähte am Mast, jeder mit eigener Zugrichtung. Sie können kontrahieren, sie können erschlaffen, sie können krampfen, sie können gelähmt sein. Das sind die Zustände, die ein Muskel kennt. Aber „stehenbleiben in einer Position" ist kein Zustand, den ein Muskel kennt. Dafür müsste etwas festklemmen — wie eine Klinke, die man umlegt und vergisst. Die Augenmuskulatur ist keine Klinke. Sie steht unter Dauerbefehl des Gehirns.
Ich habe nachgeprüft, zweimal, an zwei Stellen. Klaus Rüther, Ressortleiter für Neuro- und Kinderophthalmologie beim Berufsverband der Augenärzte, gibt mir eine präzise Antwort. Er kennt keinen einzigen Fall, in dem aktives Schielen bei einem gesunden Kind zu einer dauerhaften Fehlstellung geführt hat. Theoretisch wäre es denkbar, sagt er, dass ein ohnehin schon schielgefährdetes Kind — etwa bei bestehender Übersichtigkeit — genau in dem Moment ein Schielen entwickelt, in dem es aktiv schielt. Aber das ist kein Beweis für den Mythos. Es ist ein Zufall, der nichts beweist. Auch Horst Helbig, Direktor der Augenklinik am Universitätsklinikum Regensburg und Pressesprecher der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft, gibt mir dieselbe Richtung: widerlegt. Sollte eine Fehlstellung auftreten, ist sie augenärztlich behandelbar.
Hier beginnt meine eigentliche Ermittlung. Wer hat ein Interesse daran, Kindern das Schielen zu verbieten? Niemand — kein Hersteller, kein Verband, keine Apotheke. Niemand verdient daran. Niemand bezahlt den Preis außer dem Kind, das mit einem absurden Verbot aufwächst, und der Großmutter, die ihre Geschichte wieder einmal nicht hinterfragt bekommt. Die Bindegewebsstruktur um das Auge herum kann sich im Alter verändern und zu einer Fehlstellung führen — das ist real, aber es hat nichts mit aktivem Schielen zu tun. Es hat mit Gewebsalterung zu tun, nicht mit kindlichem Unsinn. Rüther sagt das. Ich schreibe es.
Weshalb also schielen wir überhaupt? Weshalb hat die Natur uns diese Möglichkeit gegeben? Weil wir Menschen sind. Wie andere Menschenaffen auch. Unsere Augen sind so gebaut, dass sie konvergieren können — beide Sehachsen treffen sich auf einem nahen Punkt. Ohne diese Fähigkeit könnten wir keine Beere auf Schadstellen untersuchen, keine Zeile in einem Buch lesen. Die Konvergenz ist eine Jagdwaffe und ein Lesegerät in einem. Sechs Muskeln, ein Zweck. Wer Kindern das Schielen verbietet, verbietet ihnen, ihre Augen auf das Naheliegende scharfzustellen — und nimmt ihnen die Freude an einem der wenigen Tricks, die der Körper noch selbst kann.
Ich schreibe das nicht, weil ich Großmüttern Böses will. Ich schreibe es, weil Halbwissen Spuren zieht. Wer heute noch glaubt, ein Auge könne willentlich in einer Position verharren, der glaubt morgen wieder etwas Falsches. Und alle Behauptungen, die ich hier mache, gehen durch die Fact-Checker von correctiv. Jede Zeile. Jedes Wort. Keine Gnade für Halbwissen.
Die Drähte summen weiter. Ich übersetze. Ich schalte nicht ab. Ich warte auf die nächste Lüge.
❖ Ende des Artikels ❖
