Leipzig lehrt das Fürchten
Dienstagabend, Start- und Landebahn Südpiste, Flughafen Leipzig/Halle. Ein Mitarbeiter findet eine Drohne. Kein Spielzeug. Kein Modellbau-Erzeugnis von einem, der die Langeweile nicht aushält. Sprengstoff, Zünder, gesichert, geröntgt, von der Bundespolizei entschärft. Die Maschine, in deren Nähe sie lag, war eine ukrainische Antonow AN-124 Condor. Transportmaschine. Aus der Heimat, die den Krieg kennt wie wir den Regen. Flugbetrieb eingestellt. Das war knapp. Das war keine Übung.
Donnerstag, Bildschirme flackern, das Licht vom Café unter der Redaktion wirft Schatten an die Wand. Evelyn singt leise. Der Bourbon ist kalt. Ich tippe trotzdem.
Was mich nicht loslässt, ist nicht die Drohne. Drohnen sieht man seit Monaten — rund tausend Überflüge im vergangenen Jahr, wie die Frankfurter Allgemeine notiert. Es sind die Worte drum herum. Alexander Dobrindt, Innenminister, CSU, unterbrach seinen Italien-Urlaub. Für eine Lagebesprechung mit den Spitzen mehrerer Sicherheitsbehörden. Er sprach von einem „hybriden Anschlagsszenario", von einem „sehr ernsten, sicherheitsrelevanten Vorgang", von „professioneller hybrider Bedrohungslage". Alles richtig. Alles weich gespült. Man hört den Satz und weiß: Hier hat jemand den Pressetext schon vor dem Schlafengehen geschrieben.
Ich höre den Knall nicht. Ich sehe nur den Rauch.
Der ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev sagt es offener. Auf Welt TV. „Wer könnte es noch sein außer Russland?" Auch das bleibt, vorerst, eine Vermutung. Spekulationen, sagt der Minister, könnten falsch sein. Recht hat er. Aber die Richtung stimmt, und wer das ausspricht, ohne zu zucken, hat wenig zu verlieren.
Im Juli 2024 — ich erinnere, weil Erinnerung das Wenige ist, was Journalisten vom Alter unterscheidet — wäre ein Brandsatz in einer Frachtmaschine am DHL-Logistikzentrum Leipzig beinahe in der Luft in Brand geraten. Glücklicher Zufall am Boden. „Bislang ging es im Flugverkehr um Brandsätze, die in Flugzeuge geschleust wurden", schreibt die FAZ. Nun wurde ein offener Angriff vorgetragen. Bewaffnete Drohne, Sprengstoff, Zünder, Flughafen, ukrainische Maschine. Das ist keine Eskalation in Nuancen. Das ist eine neue Tonart.
Und was tut das System? Es sitzt zwischen drei Stühlen.
Der Terrorismusexperte Hans-Jakob Schindler, im Gespräch mit Focus, zählt sie auf: organisatorisch, administrativ, Equipment, Rechtsgrundlage. Also: alles. „Diesen ganzen Wust an verschiedenen Zuständigkeiten" — so der Mann, der es wissen muss. Fliegt die Drohne auf den Flughafen zu, ist die Landespolizei zuständig. Fliegt sie in den Flughafen ein, ist es die Bundespolizei. Hat sie einen militärischen Hintergrund, ist es die Bundeswehr. Drei Behörden, eine Drohne, ein Countdown. Wer den Sprengkopf entschärft, ist Glückssache — und das ist kein Witz, das ist die Architektur.
Die Bundesregierung baut ein Drohnenabwehrzentrum auf. Richtig, sagt Schindler. Wichtig. Koordination, Informationsfluss. Nur: Was koordiniert man, wenn die Stühle noch gar nicht wissen, wer wo sitzt? Da wird „relativ viel im Moment auch beschafft", sagt derselbe Experte. Elektronische und physische Abwehrsysteme. Müssten jedoch erst gekauft und an die zuständigen Behörden verteilt werden. Gekauft. Verteilt. Das sind die Worte, an denen man die Beamten erkennt: sie reden in Verben, die noch in der Zukunft liegen.
Seit Dezember 2025 hat die Bundespolizei eine spezialisierte Einheit zur Drohnenabwehr, der Deutschlandfunk berichtet. Spezialisiert. Kritische Infrastruktur — Flughäfen, Kraftwerke, Militäranlagen — müsse, so die Kritik, deutlich mehr eingebunden werden, eigene Fähigkeiten zur Entdeckung und Meldung entwickeln. Stattdessen, so Experten wie Onur Atug via t-online, ein anderer Takt: Im Falle eines Angriffs mit Drohnenschwärmen würden die meisten Flugobjekte ihr Ziel erreichen. Ich sage es ohne Pathos: Die meisten. So sieht die Bilanz aus, wenn man ehrlich rechnet.
Gegenangriffe? Ausgeschlossen. Kommen in der deutschen Strategie nicht vor. Reaktoren der Abwehr, keine Abschreckung. Die FAZ nennt das Kalkül beim Namen: den Schaden in Kauf nehmen, um an Deeskalation festhalten zu können. Ein ehrenwerter Wunsch. Nur macht er sich vom Angreifer abhängig. In Leipzig sieht man das Ergebnis.
Von der Ukraine, sagt Schindler, lasse sich das System nicht eins zu eins übertragen. Dort ist Krieg, nicht Hybrides. Aber technisch, taktisch, methodisch könne man jederzeit lernen. Das ist die Wahrheit, die keiner ausspricht: Wir lernen, ja. Aber wer hat die Zeit, wer hat das Geld, wer hat den Mut, die alten Schubladen zu leeren? Die Ukraine kämpft mit dem, was sie hat. Wir verwalten das, was wir nicht haben.
Es bleibt, wie es immer bleibt, wenn die Politik sich vor das Volk stellt und „Wir schützen euch" sagt: Wer profitiert? Der Innenminister, der seinen Urlaub unterbricht — das Foto macht sich gut, das Ritual wirkt entschlossen. Wer verschweigt? Die Struktur, die seit Jahren Zuständigkeiten streut, als ginge es um Erbhöfe, nicht um Landesverteidigung. Welches Gerüst trägt das? Eines, das Deeskalation zur Doktrin erhebt und gleichzeitig erlebt, dass auf seiner Landebahn Sprengstoff liegt.
Unklar bleibt, wer die Drohne schickte. Unklar bleibt, wer das zweite mutmaßliche Flugobjekt steuerte. Unklar bleibt, wie viele Sprengstoffdrohnen schon unterwegs waren, bevor man diese eine fand. Die Bundesregierung hat angekündigt aufzuklären. Aufklärung ist ein Wort, das hier schwer wiegt.
Morrison schreibt das Licht aus. Evelyn schweigt. Der Bourbon bleibt kalt. Und morgen, wenn die Schlagzeilen sich drehen wie der Propeller einer Antonow, wird jemand fragen, warum niemand überrascht war.
Dass niemand überrascht war, das ist die Antwort.
❖ Ende des Artikels ❖
