ZEHN BOTSCHAFTEN, EINE WARNUNG: DAS NETZ REISST
Der Rauch von gestern hängt noch in der Redaktion. Evelyn unten singt etwas, das klingt wie ein Lied über Männer, die zu spät kommen. Ich starre auf die Meldung und frage mich, wann genau das Imperium anfing, seine eigenen Bürger einzupacken.
Samstagmorgen. Zehn Länder. Eine Anweisung der US-Botschaften, praktisch im Wortlaut: "Consider departing or be ready to depart if there is an escalation." Höflich formuliert. Wie ein Schließfach, das gerade ausgeräumt wird. Stunden vorher hatte der Präsident neue Angriffe auf Iran signalisiert. Man muss kein Prophet sein, um die Kausalität zu lesen. Die Diplomatie wird zur Logistik. Die Botschaft wird zur Evakuierungszentrale.
Aber darum geht es nicht. Nicht um den konkreten Alarm. Es geht um das System hinter dem Alarm. Um ein Netz, das einmal die Welt zusammenhielt und jetzt an zehn Knoten gleichzeitig reißt.
Sehen wir die Zahlen an, weil Zahlen nicht lügen, auch wenn die Politik es versucht. Die AP-NORC-Umfrage vom 23. bis 27. Juli sagt: 64 Prozent der US-Amerikaner halten diesen Krieg nicht für "worth fighting". 64 Prozent. Das ist keine Opposition mehr. Das ist eine Ablehnung mit Brief und Siegel. Selbst bei den Republikanern, der Stammwählerschaft dieses Präsidenten, sagen 37 Prozent: nicht der Preis. Bei den Demokraten sind es 87 Prozent. Bei den Unabhängigen 68. Die Zustimmung zur Fortsetzung der Angriffe? Bei Republikanern 48 Prozent. In der Gesamtbevölkerung 23. Bei Demokraten vier.
Vier Prozent. Und die Maschinen fliegen weiter.
Wer profitiert, wenn 64 Prozent "Nein" sagen und trotzdem gekämpft wird? Nicht die Wähler. Nicht die Tankstellenkunden — die Zapfsäule steht heute bei 4,10 Dollar die Gallone, ein Dollar mehr als vor einem Jahr. 72 Prozent der Amerikaner sagen, es sei "extrem oder sehr wichtig", die Spritpreise niedrig zu halten. Aber die Politik fliegt über ihre Köpfe hinweg, in einen Krieg, der kein Ende nimmt.
Die offiziellen Verlustzahlen — und hier beginnt die Sorte von Mathematik, bei der man nüchtern bleiben muss: 4 Amerikaner seit Beginn der Operation am 7. Juli. Plus 14 aus "Operation Epic Fury". Macht 18. Eine Zahl, die das Pentagon zwischenzeitlich herunterrechnete und in eine neue Kategorie verschob — von einer Operation zur nächsten, als sei Buchhaltung ein Ersatz für Beerdigung.
Trump persönlich? Genehmigung bei 33 Prozent. Im Juni noch 37. Bei der Iran-Politik fiel die Zustimmung bei Republikanern von 71 auf 61 Prozent. Ein Präsident, der seine eigene Basis verliert, während er eine neue Front eröffnet. Das ist kein Zufall, das ist ein Menetekel.
Und dann die Geografie. Zehn Länder im Nahen Osten, über die das US-Außenministerium nun eine Reisewarnung legt, die einer Aufforderung zur Flucht gleichkommt. Zehn Knotenpunkte eines Netzes, das Washington nach 1945 gesponnen hat — Stützpunkte, Botschaften, Handelsabkommen, Ölverträge. Wenn die Botschaft sagt "geht", sagt das Imperium "ich komme nicht wieder". Wenn sie es in zehn Ländern gleichzeitig tut, ist ein ganzes Modell gescheitert: das Modell der unangefochtenen amerikanischen Präsenz in einer Region, die das Öl der Welt atmet.
Das Weiße Haus antwortet auf die Umfrage mit dem üblichen Vokabular. Olivia Wales, Assistant Press Secretary, liefert die Sätze wie aus der Form: "bold action", "Commander in Chief", "deny the Iranian regime the ability to develop a nuclear weapon". Nichts darin erklärt, warum iranische Schiffe im Persischen Golf amerikanische Soldaten töten sollten, warum das Memorandum of Understanding gebrochen wurde, warum ausgerechnet jetzt, warum ausgerechnet zehn Länder gleichzeitig.
Man muss die Gegenfrage stellen, immer die Gegenfrage. Wer hat ein Interesse daran, dass Amerika in diesem Krieg bleibt? Wer profitiert von jeder Patrouillenfahrt durch die Meerenge, die den Weltölpreis atmen lässt? Wer bezahlt für die Flugzeuge, die Munition, die Logistik, die ewige Rotation? Welches Öl, welche Börsen, welche Konzerne atmen auf, wenn die Spannung steigt — und welche Völker zahlen den Preis in zerbombten Städten?
Iran droht weitere "choke points" an. Die Meerenge von Hormuz, durch die ein Fünftel des Weltöls fließt, ist nur der bekannteste. Wer dort kontrolliert, kontrolliert die Preise in Kalifornien, die Inflation in Rom, die Wahl in Berlin. Wenn diese Knoten fallen, fällt mehr als ein Bündnis. Dann fällt das Versprechen, das Washington dem Westen seit achtzig Jahren verkauft.
Unklar bleibt, wer im Hintergrund die Fäden zieht. Klar ist nur die Mechanik: Wenn eine Regierung ihre eigenen Bürger zur Flucht auffordert, ist Diplomatie gescheitert. Wenn sie es in zehn Ländern gleichzeitig tut, ist nicht mehr die Politik gescheitert — es ist die Vorstellung von Ordnung selbst.
Ich schreibe das in einer Stadt, in der die Lichter flackern. Evelyn singt unten noch immer. Irgendwo über dem Atlantik kreisen Flugzeuge, deren Passagiere nicht wissen, dass ihre Regierung sie längst aufgegeben hat — zumindest in jenen zehn Ländern, in denen das Imperium nur noch eine Hülle ist.
Der Imperator hat keine Kleider. Aber er hat Flugzeuge.
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