ULVER IM BECHER – STARBUCKS' STILLE RECHNUNG AN DIE BARISTAS
Im Frühjahr dieses Jahres erreichte die Redaktion ein Dossier, das nach Routinefall riecht und doch keiner ist. Ein neues „Blending Powder" in den Fruchtgetränken einer der mächtigsten Kaffeeketten der Welt – Starbucks. Für die Kundschaft: unbedenklich, sagt das Unternehmen selbst. Für jene, die das Pulver täglich in dampfenden Mixern verarbeiten, möglicherweise die Quittung einer Rechnung, die sie nicht unterschrieben haben.
Die Faktenlage ist eng, aber präzise. Baristas, organisiert bei Starbucks Workers United, berichten von Atemwegsbeschwerden, die sie mit dem neuen Pulver in Verbindung bringen. Das Unternehmen hat in einem Blogpost klargestellt: Das Produkt enthalte kein kristallines Siliziumdioxid und sei sicher für die Verwendung in Lebensmitteln. Für den Verbraucher also – Entwarnung. Für den Arbeiter am Tresen: eine offene Wunde, deren Tiefe noch gar nicht vermessen ist.
Hier beginnt die Architektur des Skandals. Nicht im Was, sondern im Wo. Starbucks vermarktet die Getränke als bunt, saftig, handgefertigt – Mango-Pineapple Pearls, Passionfruit Guava Refreshers, Energieboost optional. Die Zutatenliste der offiziellen Website ist ein Werbeversprechen, keine Gefahrenanalyse. Während die Konzernzentrale die Sicherheit der Endkundin beteuert, bleibt die Frage, wie die Baristas geschützt werden, die das Pulver Schicht um Schicht in heißem Wasserdampf auflösen – unsichtbar hinter der Theke, acht Stunden am Tag.
Die Quellenlage ist dünn. Und genau das macht sie verdächtig. Zwei Pfade führen in diesen Fall. Der erste: ein Bericht von Fresh Cup, der die Gewerkschaftsaussagen und die Unternehmensstellungnahme sauber gegenüberstellt. Anklage und Verteidigung, schön getrennt. Der zweite: ein TikTok-Beitrag, in dem Mitarbeiterinnen das Pulver direkt anprangern. Soziale Medien als Beweisaufnahme – flüchtig, aber dokumentiert. Die offizielle Starbucks-Website liefert das Gegenstück: die polierte Fassade, gegen die jeder Vorwurf prallen muss.
Was ich höre, ist ein Muster. Ein neues Produkt wird eingeführt. Die Sicherheit für die Konsumentin wird betont. Die Sicherheit für die Arbeiterin wird nicht betont – sie wird gar nicht erst thematisiert. Das ist kein Zufall. Das ist Risikomanagement nach Kassenlage.
Und an dieser Stelle wird die Rechnung interessanter. Magic Johnson, Basketballlegende und Geschäftsmann, nutzte nach eigenem Bekunden seine Starbucks-Gewohnheit als narratives Kapital für einen Kauf in Höhe von 2,2 Milliarden Dollar – die Los Angeles Dodgers. Eine Kaffeetasse, die Milliarden bewegt. Während an der Theke Baristas über Husten und Atemnot klagen, wird in den Vorstandsetagen mit Markenwert jongliert. Das ist kein Widerspruch. Das ist dieselbe Maschine, nur von verschiedenen Enden betrachtet.
Unklar bleibt, welche konkreten Inhaltsstoffe die Beschwerden auslösen. Das Unternehmen sagt: kein Siliziumdioxid. Das ist eine Antwort, keine Aufklärung. Welche Partikelgrößen, welche Konzentrationen beim Mixen, welche Schutzmaßnahmen am Arbeitsplatz – all das sind offene Fragen, die in jeder anständigen Ermittlung gestellt werden müssten. Und sie werden nicht gestellt. Nicht in der Pressemitteilung. Nicht im Blogpost. Nicht im Marketingversprechen.
Die Struktur trägt das Übrige bei. Starbucks ist kein Kiosk mehr, es ist eine Infrastruktur – Rewards-Programm, mobile Bestellung, Geschenkkarten. Ein Ökosystem, das den Konsum zementiert und die Arbeiterin zur austauschbaren Komponente reduziert. Wenn das Produkt im Becher sicher ist, aber im Mixer nicht, dann ist die Sicherheitslücke keine Panne. Dann ist sie ein Designfehler im System, weggesperrt hinter der Theke, unsichtbar für jene, die nur den Becher sehen.
Wer kontrolliert das? Die Konzernzentrale in Seattle. Wer profitiert? Die Aktionäre, die Markenbotschafter, die Investoren mit dem Starbucks-Becher in der Hand. Wer zahlt den Preis? Die Barista, die morgens den Mixer einschaltet und abends mit brennenden Lungen nach Hause geht – sofern sie es sich überhaupt leisten kann, das zuzugeben.
Zwei Quellen sind keine Bilanz. Aber zwei Quellen sind ein Anfang. Die Akte bleibt offen. Der Staub im Becher ist kein Geheimnis mehr – nur die Verantwortung dafür ist es noch.
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