Börse 1937
Terminal Tribune

10. August 2026

Dossier · Krisen & Konflikte

Seltenerd, selten Mensch — Myanmars offene Rechnung

10. August 2026 — Morrison, over and out.

Die Lampe über mir flackert. Regen trommelt aufs Fenster der Redaktion, irgendwo unter mir singt Evelyn etwas über verlorenes Geld, und der Bourbon brennt sich langsam durch die Schublade. Ich sitze hier und tippe, weil die Welt es nicht tun will.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Tausende Meilen östlich, in den Bergen zwischen Myanmar und China, bricht ein Hang. Es ist kein Erdbeben. Es ist ein Hang voller Seltener Erden — jener siebzehn Elemente, ohne die unsere Windräder nicht drehen, unsere Elektroautos nicht rollen und unsere Raketen nicht fliegen. In den Schlamm gerissen: Menschen.

Einer von ihnen hieß nicht Min. Sein Name bleibt bei ihm. Min stammt aus Sagaing, der staubigen Ebene im Zentrum Myanmars. Dorthin, wo im Jahr 2021 ein Putsch die formelle Wirtschaft zerschlug und wo die Junta seither die Luft unter Bomben leert. Wehrpflicht ab 2024. Wer blieb, wurde eingezogen oder verbrannt. Min floh nach Osten.

Er zahlte einem Vermittler zweitausend chinesische Yuan — umgerechnet zweihundertneunzig Dollar — für zwei Jobs. Seinen eigenen und den seines jüngeren Bruders. Die Arbeit: Straßen bauen auf einer Seltenerd-Mine in einem autonomen Gebiet, das eine mächtige ethnische Armee kontrolliert. Dreitausend Yuan im Monat, etwa vierhundertdreißig Dollar. Mehr, als die meisten Industrien Myanmars zahlen konnten. Genug Geld, um den Bruder auf einen Bagger zu setzen, auf dem er nie hätte sitzen dürfen.

Wochen später rutschte der Hang. Min überlebte. Sein Bruder wurde verschüttet. Die Leiche konnte nicht transportiert werden. Die Familie hielt die Totenriten ohne den Körper.

Min ging nicht nach Hause. „Trotz der Risiken arbeite ich weiter", sagte er Reportern. „Es gibt nicht viele andere Optionen."

Fünf tödliche Erdrutsche auf Seltenerd-Bergwerken in Myanmar sind in den letzten Jahren dokumentiert. In einem Fall begrub der Schlamm mehr als ein Dutzend Arbeiter. Lokal gezählt. Von der Welt nicht gewogen.

Hier beginnt die Kette, die ich verfolgen muss.

Die Seltenerd-Minen Myanmars liegen in autonomen, militarisierten Zonen. Chinesische Firmen graben dort, wo lokale ethnische Armeen das Land kontrollieren — dieselben Armeen, die Schutzgeld nehmen, das in den Krieg gegen die Junta fließt. Peking kauft nicht direkt ein. Aber Pekings Nachfrage macht das Geschäft überhaupt erst möglich. Die Welt will Metalle für grüne Energie und überlegene Waffen. Wer liefert, wenn Myanmar am Boden liegt? Diese Minen. Diese Hänge. Diese anonymen Brüder.

Und am anderen Ende der Kette?

In Peking kündigt die Baogang-Gruppe die Erweiterung von Bayan Obo an, dem größten Seltenerd-Vorkommen der Welt, in der Inneren Mongolei. Fünfzig Prozent mehr Jahresproduktion, von zehn auf fünfzehn Millionen Tonnen. Vierundsiebzig Millionen Dollar Investition. Ein Geologe der Peking-Universität sagt, die Produktion unterliege Quoten — mehr Erz sei gar nicht nötig. Bayan Obo ist in Wahrheit vor allem eine Eisen-Mine. Die Seltener Erden fallen als Nebenprodukt ab. Die Quote bleibt, der Berg wächst.

In Australien kündigt das Pentagon parallel eine viertel Milliarde Dollar an — genauer vierhundert Millionen — für die Firma Sunrise Energy Metals. Scandium-Mine in Fifield, New South Wales. „Das erste Primär-Bergwerk für Scandium der Welt", sagt der Vorsitzende. Lockheed Martin nimmt fünfundzwanzig Prozent der Produktion für fünf Jahre ab. Verteidigung und Luftfahrt. Trump und Albanese hatten im Oktober fünfundzwanzig ein „Kritische-Mineralien-Abkommen" unterzeichnet, jeder eine Milliarde Dollar. Das Pentagon verlautbart, das Projekt „sichere westliche Ausrichtung von der Mine bis zum Endprodukt". Das ist die offizielle Sprache. Sie schmeckt nach Kreide und nach Öl.

Der Auslöser: China hatte Scandium-Exporte für Verteidigungszwecke im Jahr fünfundzwanzig eingeschränkt. Die Supermächte zerren an den Ketten. Sie verheddern sich. Und am Anfang jeder dieser Ketten hängt ein Hang in Myanmar, an dem ein Bruder eines anonymen Min verschüttet wurde.

Wer trägt die Verantwortung?

Ich sehe die Broker in den Grenzstädten, die Yuan zählen und Pässe fälschen. Ich sehe die chinesischen Firmen, die in einer rechtlichen Grauzone operieren, weil Myanmar ein zerschlagener Staat ist und alle es wissen. Ich sehe die ethnischen Armeen, die das Bergwerk bewachen und das Schutzgeld in Gewehre umsetzen. Ich sehe die Junta, die mit Bomben die Ebenen brennt und damit erst die Flucht in die Berge produziert. Ich sehe die westlichen Konzerne, die sonntags vom Klima reden und am Montag Lieferverträge mit Rüstungsunternehmen unterschreiben. Ich sehe den Käufer, der ein neues Telefon aus der Tasche zieht, ohne zu fragen, welcher Hang dafür gerutscht ist.

Ich sehe ein System, das so alt ist wie das römische Reich. Sklaven schürften Silber für Senatoren, die Senatoren finanzierten Eroberungen, die Eroberungen produzierten neue Sklaven. Die Stoffe ändern sich. Die Mechanik bleibt dieselbe.

Was bleibt offen? Welche chinesische Firma genau in welcher Region an wen zahlt — das steht im Nebel. Welche ethnische Armee welchen Anteil nimmt — im Nebel. Welcher Manager in welcher Hauptstadt den Vertrag unterschrieb und den Bericht dann ungelesen ablegte — das ist der Nebel, in dem ich heute sitze.

Evelyn singt jetzt leiser. Der Regen lässt nach. Die Schreibmaschine braucht ein neues Farbband.

In Hpare, im Gebiet der Kachin Independence Organization, leuchtet der Hang im Abendlicht rot. Auf ihm arbeiten Männer wie Min. Sie bauen Straßen für Metalle, die in unseren Broschüren Zukunft heißen.

Sie heißen dort nur Schlamm.

❖ Ende des Artikels ❖

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