TEHERAN IN TEXAS — UND KEINER FRAGT NACH
Der Regen klopft ans Fenster der Redaktion wie ein Ankläger, der seinen Zeugen sucht. Evelyn summt unten im Café ein Lied, das ich nicht leiden kann, aber nicht abstellen kann. Auf meinem Schreibtisch liegt eine Meldung, dünn wie eine Zigarette, und sie riecht nach Schwefel.
Ein verurteilter iranischer Ringmeister eines Pyramidenspiels. Verlegt von Teheran nach Texas. Hat sich, so heißt es, ein neues Leben in den Vereinigten Staaten aufgebaut.
Das ist die Geschichte, die mir verkauft wird. Das ist die Geschichte, die ich nicht kaufe.
Denn hier stimmt etwas nicht. Hier stimmt mehreres nicht.
Ein Mann, der in seiner Heimat das Vertrauen Tausender in bare Münze verwandelt hat — der eine Maschine konstruierte, die nur funktioniert, solange neue Opfer nachströmen — dieser Mann sitzt jetzt irgendwo in Texas und führt offenbar ein Leben, das nach Rasenmäher und Sonntagsbraten riecht. Nach American Dream. Nach zweiter Chance.
Wer hat ihm die Tür aufgemacht?
Unklar bleibt, über welchen Weg genau ein Verurteilter aus dem Iran in die Vereinigten Staaten gelangte. Unklar bleibt, wer die Bürgschaften stellte. Unklar bleibt, welche Papiere wem auf welchem Tisch begegneten. Unklar bleibt, warum ausgerechnet Texas — ein Bundesstaat, der großen Männern mit großen Geschichten historisch nie gram war.
Ich sage nicht, dass die Geschichte falsch ist. Ich sage, sie ist zu glatt.
Pyramidenspiele sind keine Bagatelldelikte. Sie sind Architektur. Sie brauchen Köder, sie brauchen Komplizen, sie brauchen eine Sprache, die Glück verspricht und Verlust organisiert. Wer so etwas einmal gebaut hat, hat ein Talent. Wer ein solches Talent hat, legt es nicht in eine Schublade, nur weil die Geografie wechselt.
Also: Was tut er heute? Arbeitet er? In welcher Branche? Unter welchem Namen — seinem alten oder einem neuen, sorgfältig übersetzten?
Die offiziöse Version sagt: neues Leben. Die offiziöse Version sagt das immer.
Wer profitiert davon, dass die Geschichte genau so erzählt wird? Wer profitiert davon, dass die Vergangenheit unter einer Schicht texanischer Erde verschwindet, als wäre sie nie gewesen? Ist es der Mann selbst, der seinen neuen Nachbarn nicht erklären will, wer er war? Ist es eine Gemeinde, die ihren Beitrag zum American Dream nicht durch einen Schatten befleckt sehen will? Oder ist es ein Mechanismus weiter oben, weiter weg, der solche Erzählungen braucht — die Geschichte des reuigen Betrügers, des begnadigten Fremden, der das Beste aus beiden Welten nimmt?
Die Antworten, die ich suche, liegen in den Lücken.
Unklar bleibt, ob es überhaupt unabhängige Überprüfungen gab. Unklar bleibt, wer den Lebenswandel attestierte. Unklar bleibt, welche Auflagen gelten — und ob sie gelten.
Es gibt zwei Sorten von Neuanfängen in diesem Land. Die eine wird gefeiert, weil sie ehrlich ist. Die andere wird gefeiert, weil das Feiern billiger ist als das Hinsehen. Die zweite Sorte ist leiser, glatter, und sie hat immer einen Rechtsanwalt im Hintergrund, der die Bühne baut und das Licht richtig setzt.
Wenn ich das schreibe, schreibe ich gegen den Strom. Der Strom will den Erlösten. Der Strom will die zweite Chance. Der Strom will das Foto des Mannes vor der amerikanischen Flagge, Hund im Schoß, Frau mit Limonade.
Ich will die Quittung.
Evelyn summt noch immer. Der Regen hat aufgehört. Irgendwo zwischen Teheran und Texas sitzt ein Mann, der weiß, dass niemand fragt. Und genau das ist der Beweis, dass er Grund hätte, gefragt zu werden.
Ich frage. Morgen frage ich wieder.
❖ Ende des Artikels ❖
