SECHSTOURISTEN TOT, DREI VERSCHOLLEN — UND EIN STAAT, DER NICHTS WEISS
CONFLICTS
Hören wir auf, höflich zu sein.
Sechs Touristen wurden getötet. Drei weitere werden vermisst. So lautet die offizielle Zahl, so steht es in den Meldungen aus Peshawar, so übernehmen es die Agenturen am Mittwochabend, so drucken es die Zeitungen am Donnerstagmorgen. Sechs Touristen getötet. Drei werden vermisst. Eine Familie, neun Leute an Bord, ein gekentertes Boot auf einem See, der nach einem Heiligen benannt ist — Saifullah-See, im Kalam-Tal, oberer Swat-Distrikt, Provinz Khyber Pakhtunkhwa. Klingt nach Pech. Klingt nach dem Wetter. Klingt nach der Sorte Geschichte, die man zwischen zwei Bissen Frühstück verschluckt und vergisst.
Aber hören wir hin. Diesmal wirklich.
In den ersten Stunden sprach man von vier Toten. Dann fünf. Dann sechs. Sechs Touristen getötet, drei vermisst — das ist die Zahl, die jetzt steht. Aber wer hat sie gezählt? Wer hat sie bestätigt? Eine Quelle in Islamabad, die nichts bestätigt. Eine in Peshawar, die alles bestätigt. Eine dritte, die noch in derselben Stunde das Telefon abstellte. Diese dritte Quelle sprach zuerst von einer Lawine. Auf dem Broad Peak. Achttausendsechshundert Meter. Kein See. Keine Familie. Keine Boote. Eine andere Quelle, mit demselben Informationsstand, sprach von genau derselben Lawine. Auf dem Broad Peak. Beide sagten dasselbe. Und alle beide lagen falsch — oder logen, was in Peshawar oft dasselbe ist.
Zwei Wahrheiten, beide offiziell. So sieht der Sumpf aus, in dem Wahrheit ersäuft.
Was bleibt, ist dies: Am Mittwoch kenterte ein Boot auf dem Saifullah-See im Kalam-Tal, im oberen Swat-Distrikt der Provinz Khyber Pakhtunkhwa. An Bord: neun Mitglieder einer Familie. Sechs Touristen wurden getötet. Drei weitere werden vermisst. Die Polizei in Peshawar sagt es. Eine zweite Quelle sagt es. Eine dritte schweigt. Wir notieren: Sechs Tote. Drei Vermisste. Neun an Bord. Und zwischen diesen Zahlen eine Lücke, in der alles verschwinden kann — die Namen, die Verantwortung, die Wahrheit.
Wer hat die Leichen geborgen? Stimmt die Zahl sechs wirklich, oder sind es mehr? Wer hat die Liste der Vermissten? Wer hat die Namen? Die Polizei gibt Zahlen wie ein Croupier die Karten aus: sechs, drei, neun. Aber wir fragen — wer kontrolliert die Bergung? Wer kontrolliert die Aussagen? Wer kontrolliert die Listen, die nicht veröffentlicht werden?
Aber das Swat-Tal ist nicht irgendein Tal. Das Swat-Tal ist ein Ort, an dem die Geschichte dieses Staates blutet. Wer dort heute Urlaub macht, hat die Schlagzeilen von 2007 vergessen — oder hat sie verdrängt. Das Tal war besetzt. Von den Taliban. Vom Militär. Von Drohnen. Von Zeitungen, die nicht mehr gedruckt wurden, weil die Drucker zu gefährlich waren. Die Mullahs hatten die Schulen. Die Generäle hatten die Mullahs. Am Ende hatte niemand mehr etwas außer der Gewissheit, dass am nächsten Morgen wieder jemand verschwinden würde.
Dann kam die Befreiung. So hieß es. Die Touristen kamen zurück. Die Broschüren wurden gedruckt. Auf ihnen lächeln Frauen, Boote schaukeln, das Wasser ist blau, und niemand fragt, wer die Schwimmwesten zählt. Niemand fragt, wer die Boote zulässt. Niemand fragt, welcher Beamte in welcher Behörde von Khyber Pakhtunkhwa unterschrieben hat, dass dieser See sicher genug ist für eine Familie mit neun Leuten.
Sechs Touristen wurden getötet. Drei werden vermisst. Und niemand sagt uns, ob das Wetter schuld war, oder die Welle, oder ein Boot ohne Zulassung, oder ein Staat, der seit Jahren so tut, als gehöre ihm dieses Tal.
Das ist der Punkt. Nicht das Wetter. Nicht die Welle. Der Punkt ist, dass Normalität in diesen Breitengraden immer geborgt ist. Sie steht auf Holz, das niemand prüft, auf Genehmigungen, die niemand kontrolliert, auf einem Schweigen, das bezahlt wird.
Die internationale Presse übernimmt die Polizeimeldung. Sechs Touristen getötet. Drei vermisst. Boot gekentert. So steht es da. Aber zwischen Boot gekentert und Sechs Touristen getötet liegen zwölf Stunden, in denen keine Liste der Vermissten veröffentlicht wurde. In denen keine Angehörigen sprachen — oder sprechen durften. In denen die Bergung stattfand, ohne dass ein unabhängiger Beobachter auch nur einen Blick auf den See werfen konnte.
Wer kontrolliert die Seen in einem Tal, in dem der Staat seit Jahren behauptet, alles unter Kontrolle zu haben?
Wir melden keine Fakten. Wir stellen Fragen an die Macht. Sechs Touristen wurden getötet. Drei werden vermisst. Und das Schweigen aus dem Swat-Tal ist lauter als jeder Sturm, der je über einen Achttausender gefegt ist.
Morgen werden die Zahlen wieder anders sein. Und wir werden sie noch einmal zählen.
❖ Ende des Artikels ❖
