Börse 1937
Terminal Tribune

13. August 2026

Dossier · Krisen & Konflikte

Vetternwirtschaft im neuen Gewand

13. August 2026 — Morrison, over and out.

Die Redaktion riecht nach altem Zigarettenrauch und frischer Enttäuschung. Evelyn unten im Café singt etwas, das nach Abschied klingt, und der Regen rinnt die Scheibe hinab. Eine einzige Quelle. Eine einzige Meldung. Und doch wiegt sie schwer wie Blei.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Die ICIJ hat veröffentlicht, was viele nur flüsterten: Unternehmen, die einst mit der Assad-Familie verflochten waren, gewinnen weiterhin Aufträge der Vereinten Nationen — jetzt unter Syriens neuen Herren. Neue Regierung, alte Seilschaften. Klingt vertraut? Sollte es auch.

Man spricht von Transparenz. Man spricht von Ausschreibungen. Man spricht von einem Neuanfang, der die Scherben der Diktatur zusammenfegt. Doch während die Botschaften aus Damaskus den Wandel verkünden, fließen die Mittel offenbar in dieselben Taschen, die jahrelang aus dem Blut der syrischen Bevölkerung gestrichen wurden. Wer kontrolliert das? Wer prüft die Eigentumsverhältnisse hinter den Firmenmänteln? Und vor allem: Wer will es wirklich wissen?

Hier liegt der Kern des Zynismus, der diese Geschichte trägt. Es ist nicht die plumpe Korruption, die empört. Es ist die Eleganz, mit der sich das alte System unter neuem Banner fortsetzt. Die Strukturen sind nicht zerbrochen — sie wurden umetikettiert. Die Lieferanten von gestern sind die Dienstleister von morgen, weil niemand die Archive geöffnet hat, weil niemand die Bilanzen fordert, weil die Dringlichkeit der humanitären Hilfe wichtiger ist als die Frage nach dem Empfänger.

Die UNO steht vor einem Dilemma, das sie selbst geschaffen hat. Ihre eigene Beschaffungspraxis — schnelle Vergabe, lokale Partner, Vertrauen auf die Strukturen vor Ort — wurde unter Assad erfunden und perfektioniert. Wer unter dem alten Regime die Logistik kontrollierte, kontrolliert sie auch unter dem neuen. Wer die Lagerhäuser besaß, besitzt sie noch. Wer die Kontakte zu den Häfen hatte, hat sie immer noch. Die Erbauer der Maschine sind nun die Bediener der Maschine. Nur das Logo auf dem Koffer hat sich geändert.

Und die Mechanik ist bestechend einfach. In einer Notlage zählt Geschwindigkeit. Due-Diligence-Verfahren kosten Wochen. Also greift die Verwaltung auf bekannte Größen zurück, auf bewährte Mittelsmänner, auf jene, die bereits über die nötigen Kanäle verfügen. Die neuen Machthaber in Damaskus liefern die politische Legitimation, die alten Geschäftspartner liefern die operative Reichweite. Beide Seiten brauchen einander. Beide Seiten schweigen.

Wer profitiert? Das ist die Frage, die offen bleibt. Die ICIJ nennt die Akteure, aber die Mechanik des Profits verschwindet im Nebel der Zwischenhändler, der Briefkastenfirmen, der Strohmänner. Welche Personen genau hinter den Firmen stehen, welche Vermögenswerte transferiert wurden, welche Provisionen an welche Beamten flossen — all das liegt im Dunkel. Die Quellenlage ist dünn. Eine einzelne investigative Meldung, getragen von Dokumenten, die noch geprüft werden müssen. Hier ist Vorsicht nicht Paranoia, sondern journalistische Pflicht.

Und dann ist da noch das Schweigen, das auffällt. Die neue syrische Führung, die sich als Reformer inszeniert, hat zu diesen Enthüllungen bisher wenig gesagt. Die UN-Verantwortlichen verweisen auf laufende Verfahren. Beide Seiten verschanzen sich hinter dem Vorhang der Bürokratie, während das Geld weiter fließt. Ist das Naivität? Ist das Kalkül? Oder ist es das Eingeständnis, dass der Apparat ohne seine alten Zahnräder gar nicht funktioniert?

Die Geschichte ist älter als Syrien. Die Römer kannten das Spiel. Die Bankiers der Zwischenkriegszeit kannten es. Die Industriebarone der Depression kannten es. Immer wenn eine Macht fällt, steht die nächste schon bereit — nicht um aufzuräumen, sondern um weiterzuverteilen. Was sich ändert, sind die Gesichter. Was bleibt, sind die Konten.

Morrison notiert: Das wahre Verbrechen ist nicht die Tat. Es ist die Müdigkeit der Welt, die sie geschehen lässt. Evelyn singt jetzt leiser. Der Regen hört nicht auf.

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