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Terminal Tribune

13. August 2026

Dossier · Krisen & Konflikte

Paradies mit Sturmgewehr — wem gehört Korsika wirklich?

13. August 2026 — Morrison, over and out.

Ein Dutzend. Masken. Maschinenpistolen. Ein Video, das in dieser Woche die Runde macht wie früher die Brandreden aus den Barlogen. Es sind die Aufnahmen einer Gruppe, die sich nennt, wie sich seit Jahrzehnten Gruppen auf dieser Insel nennen, wenn das Mittelmeer glänzt und die Immobilienpreise steigen: Korsische Nationalisten. Bewaffnet. Geduldig. Überzeugt.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Die Botschaft ist kurz, und sie ist nicht neu. Bleibt zu Hause. Kauft nichts. Betrachtet euch auf „nationalem Boden" nicht als sicher. Touristen, die kommen — bitte gehen. Zweitwohnungskäufer, die träumen — hört auf zu träumen.

So weit, so einfach. Aber Einfachheit ist eine Lüge, und Lügen sind das, was wir hier aufdecken.

Denn die Frage, die niemand stellt, lautet nicht: Warum drohen bewaffnete Männer einer Urlauberin in Bastia? Die Frage lautet: Wem nützt die Drohung? Wem nützt die Angst? Wem nützt eine Insel, auf der niemand mehr investiert, niemand mehr baut, niemand mehr kauft — außer jenen, die ohnehin schon dort sind und den Preis bestimmen?

Männer mit Sturmgewehren sind ehrlich. Sie zeigen wenigstens, was sie wollen. Die anderen Akteure zeigen es nicht.

Paris sagt: Ruhe bewahren. Die Insel sei sicher, die Republik stark, die Gendarmerie wachsam. Paris lügt seit Langem, mit der gleichen höflichen Stimme, mit der es einst ferne Provinzen als „integriert" bezeichnete. Eine Insel, die sich selbst nicht mehr will, ist ein schlechtes Pflaster für jede Flagge.

Die Immobilienmakler sagen: Es ist nur Lärm. Kaufen Sie jetzt — die Preise werden fallen, die Gelegenheit ist günstig. Wer sagt das? Dieselben, die noch vor drei Monaten vom „exklusiven Rückzugsort" schwärmten und den Zweitwohnsitz als „Lebensqualität" verkauften. Dieselben, die nun, da die Kanonen sprechen, das Feuer als „Preiskorrektur" umdeuten.

Die Korsen selbst — eine Mehrheit, nicht alle — sagen seit Jahren: Wir waren hier, bevor eure Feriendomizile kamen, wir bleiben, wenn eure Bucht voll ist. Sie haben Recht. Aber wer bezahlt den Preis dieser Wut? Der Zweitwohnungskäufer vom Festland, der nichts weiß als den Katalog? Der Rentner aus dem Binnenland, der sein Haus am Hang mit Blick aufs Meer sieht und nicht versteht, warum er Feinde hat?

Es ist die alte Geschichte. Man nehme eine Insel, ein Versprechen, einen Markt. Man fülle das Versprechen mit Steuergeld und Stränden. Dann trete man auf, als gehöre einem alles — und frage sich nie, wem es vorher gehörte.

Die Maskierten heute sind keine neuen Akteure. Sie sind die logische Konsequenz einer Politik, die seit Jahrzehnten zwischen Paris und Ajaccio gemacht wird, ohne dass je ein Einheimischer wirklich mitbestimmte. Sie sind die Sprache derer, die keine andere haben.

Doch die Sprache der Bewaffneten verdeckt die eigentliche Frage: Wem fällt der Boden zu, wenn der Tourist geht? Wem fällt er zu, wenn er kommt? Wer hält die Schlüssel der Grundbücher, wer die der Banken, wer die der Notare?

Wir wissen es nicht. Genau das ist der Skandal.

Man stelle sich vor: Ein bewaffnetes Video geht um die Welt. Die Buchungen brechen ein. Die Zeitungen schreiben „Unsicherheit im Mittelmeer", die Versicherungen schreiben Klauseln, die Anwälte schreiben Briefe. Und dann — ganz leise, ohne Masken, ohne Video — steigt jemand ein, der vorher nicht einsteigen konnte. Kauft, was keiner mehr will. Hält, was die Furcht übrig ließ.

Wer dieser Jemand ist? Unklar. Das ist das Verbrechen.

Denn die wahre Vertreibung auf Korsika ist nicht die der Touristen. Es ist die Vertreibung der Frage. Wem gehört diese Insel? Wer hat das Sagen über die Buchten, die Hügel, die alten Dörfer? Wer entscheidet, dass der eine kommen darf und der andere nicht?

Die Antwort liegt nicht in den Maschinenpistolen. Die Antwort liegt in den Akten, die niemand liest.

So sitze ich hier, am Rand einer Nachricht, die keine ist — und einer Geschichte, die alle erzählen und keine zu Ende. Das Licht unter dem Café brennt. Evelyn singt etwas aus den dreißiger Jahren, das wir vergessen haben. Das Meer, denke ich, hat nie einem gehört. Wir haben es nur vermessen, parzelliert, verkauft — und jetzt wundern wir uns, dass jemand zurückruft.

Die Insel ist kein Paradies. Sie war nie eines. Sie war immer ein Ort, an dem sich die Mächtigen trafen — in römischer Uniform, in genuesischer Robe, in französischer Tricolore. Heute treffen sie sich in Immobilienkatalogen und in bewaffneten Videos. Die Masken wechseln. Die Absicht bleibt.

Kaufen Sie also nichts auf Korsika. Oder kaufen Sie alles. Aber fragen Sie vorher — wem Sie dafür in die Hand schlagen.

❖ Ende des Artikels ❖

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