Monrovia macht Schule frei — wer fängt die Frequenzen?
Monrovia. Ein Federstrich, und die Registrierungsgebühr der liberianischen Primarschule existiert nicht mehr. Auf dem Papier ein Akt der Gerechtigkeit. Auf dem Draht eine Frage, die schwerer wiegt als jede gestrichene Mark: Wer trägt das Signal, wenn niemand mehr zahlt?
Die Meldung kam über eine einzige Quelle. Das allein sollte jeden Redakteur, der etwas auf seinen Lötzinn gibt, stutzen lassen. Eine Handvoll Worte aus dem Innenministerium in Monrovia, weitergereicht über die übliche Kette kolonialer Kabel — und schon wird daraus in den internationalen Depeschen eine Wohltat für die Kinderschaft. Ich habe gelernt: Was einmal durch zwei Relaisstationen gelaufen ist, trägt den Stempel derer, die es geprägt haben. Die Originalquelle muss akribisch verifiziert werden, bevor wir daraus eine Schlagzeile bauen. Ein einzelnes Kabel, und die halbe westliche Presse druckt.
Wer profitiert? Die Antwort ist nicht so klar, wie sie scheint. Die Familien, die bisher zwischen Brot und Heft wählen mussten, werden ihre Kinder einschulen — so will es das Gesetz. Die Klassenzimmer werden voller. Doch wer fängt sie auf am Schultor? Wer lehrt sie? Wer liefert die Hefte?
Die liberianische Regierung spricht von Investition in die Zukunft. Investition, wohlgemerkt, nicht Ausgabe. Wer investiert, erwartet Rendite. Die Frage ist nur: in welcher Währung. Geht es um lesende Bürger, die den Staat tragen? Oder um eine junge Generation, die bereit ist, die Frequenzen zu empfangen, die andere einstellen?
Hier beginnt die Geschichte, die auf den Drähten nicht erzählt wird. Gebührenfreiheit ist das eine. Die Infrastruktur, die den Ansturm trägt, ist das andere — und genau hier sitzt die eigentliche Macht. Funkempfänger in den Schulgebäuden, damit der Schulfunk aus Monrovia überhaupt ankommt? Lehrbücher, die nicht in den Lagern der Hauptstadt verstauben, sondern in den Dörfern ankommen? Lehrkräfte, die nicht in Monrovia bleiben, weil das Gehalt dort besser fließt? Telegraphenleitungen, damit die Schulverwaltung nicht im Blindflug operiert? Phonographen mit Sprechübungen für die Kleinsten?
Einzelne Akteure haben sich bereits in Stellung gebracht. Die üblichen Verdächtigen: amerikanische Missionsstationen mit ihren bewährten Druckereien, die einen Markt wittern. Konsuln europäischer Mächte, die das Wort Bildung hören und Einfluss denken. Händler aus Hamburg und Liverpool, die Schulfunkgeräte als das nächste große Geschäft sehen. Ich höre sie förmlich über die Kabel sprechen — Geschäftsbedingungen, die nach Wohltätigkeit klingen und nach Konzession schmecken.
Und die liberianische Regierung selbst? Sie sitzt am Schalter. Sie entscheidet, welche Frequenz gesendet wird. Sie entscheidet, welcher Lehrplan in die Köpfe der Kinder wandert. Sie entscheidet, ob das Schulfunkprogramm von Monrovia ausgestrahlt wird — oder von einer ausländischen Station, die das Monopol hält. Gebührenfreiheit ohne eigene Infrastruktur ist ein Geschenk an jene, die die Infrastruktur liefern.
Was passiert als Nächstes? Diese Frage treibt mich durch die Nachtschicht im Funkraum. Werden die Tore der Schulen geöffnet, ohne dass Lehrer, Hörer und Lehrbücher bereitstehen? Werden Kinder in Klassenräume gesetzt, in denen nur die Wand zuhört? Werden die zusätzlichen Schüler die ohnehin überlasteten Lehrkräfte erdrücken, bis der Unterricht zur Farce wird? Oder werden — und das ist die Aussicht, die mich wach hält — tatsächlich die Drähte gespannt, die Relais aufgebaut, die Frequenzen eingestellt, die eine gebührenfreie Schule auch zu einer erreichbaren Schule machen?
Die Antwort hängt an einem Wort, das in der Depesche nicht vorkommt: Netzbereitschaft. Funkreichweite in den Küstengebieten ist das eine. Aber wie steht es um die Distrikte im Hinterland? Ohne Empfänger kein Schulfunk. Ohne Lehrer keine Bildung. Ohne Druckkapazität keine Hefte. Ohne Telegraphenlinie keine Rückmeldung aus den Schulen an die Verwaltung. Die Regierung kann die Tore öffnen — die Infrastruktur muss die Menschen tragen.
Die Originalquelle muss akribisch verifiziert werden. Wer genau hat diese Meldung lanciert? Ein idealistischer Erziehungsminister, der die Zahl seiner Schüler verdoppeln will? Ein kolonialer Geschäftsmann, der Lieferaufträge wittert? Ein ausländischer Missionsorden, der seine Schulen staatlich finanziert sehen will? Jeder dieser Akteure hat ein anderes Gesicht, aber alle bedienen sie denselben Schalter. Sie entscheiden darüber, was in den Köpfen liberianischer Kinder landet.
Die Gebühr ist gestrichen. Das ist Tatsache. Alles andere ist Schall über der Leitung — bis ich den Beweis auf dem Draht habe, dass auch das Signal ankommt.
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