ANKARAS ANSCHLUSS AN PEKING: F-35 UND DIE MITHÖRENDEN LEITUNGEN
Es ist nicht das Flugzeug, das mich beunruhigt. Es ist das, was darunter liegt. Das Kabel. Der Sendemast. Die geduldige Verbindung zwischen einem Ozean und seinem Hafen.
In dieser Woche diskutiert Washington die Rückkehr der Türkei ins F-35-Programm. HALC-Chef Endy Zemenides hat das ausgesprochen, was die Technik seit Jahren leise sagt: Wenn ein Land seine gesamte Telekommunikationsinfrastruktur für chinesische Anbieter öffnet, sitzt in diesem Land kein unabhängiger Knotenpunkt mehr. Jedes Signal läuft über Geräte, die nach Pekinger Recht Auskunft geben müssen. Das ist keine Vermutung. Das ist Architektur.
Und das ist der harte Punkt, der meist unter dem Flugzeugsymbol verschwindet: Die S-400-Krise, die Ankara unter Trumps erster Amtszeit aus dem Programm warf, war laut Zemenides nur die Vortür. Die wahre Schwelle liegt heute. Die Türkei sei jetzt schlechter dran als damals, sagt er.
Die Hardware eines F-35 ist eine Sache. Eine Maschine mit permanenter Update-Leitung, Wartungsschnittstellen, Diagnose-Rückkanälen, Trainingsdaten und Missionsparametern ist eine andere. Solch ein System kann auf Dauer nicht funktionieren, wenn der Betreiber zugleich weite Teile seiner bodenseitigen Telekommunikation von einem strategischen Rivalen betreiben lässt. Wer die Leitung besitzt, besitzt nicht zwingend den Speicher des Landes. Aber er hört mit. Ununterbrochen.
"Turkey is the only F-35 nation that has led China completely into its telecommunications network," sagt Zemenides. Das ist Faktum, nicht Anekdote. Das chinesische Nationale Sicherheitsgesetz verpflichtet in China ansässige Firmen zur Kooperation. Welche Anbieter in der Türkei Festnetz, Mobilfunk und Backbone-Netze betreiben, arbeiten nach genau dieser Logik. Was in Ankara fließt, kann in Shenzhen eine zweite Lebensdauer führen.
Dann die S-400-Frage. Ankara hat laut Zemenides "Teillösungen" angeboten — den russischen Chip ausbauen, so der Vorschlag, aber den Chip behalten. Was in einer Kiste liegt, kann aus der Kiste geholt werden. Eine Komponente, die stillgelegt aber vorhanden ist, ist ein System auf Wartezeit. Die russischen Ingenieure, die das System kennen, kennen auch die Komponente. Wartungsverträge, falls existent, laufen weiter. Logistik wird nicht gekappt, nur verstaut.
Das State Department hat diese Woche einen Brief an den Kongress geschickt. Die Lage bleibt: keine F-35-Übergabe ohne vollständige Aufgabe des S-400. Ankara muss zusätzlich die Auflagen des Countering America's Adversaries Through Sanctions Act erfüllen sowie offene Zertifizierungen aus dem National Defense Authorization Act 2020. Das steht schwarz auf weiß in einem Schreiben von Legislative Affairs an den Abgeordneten Wesley Bell.
Trump hat beim NATO-Gipfel in Ankara öffentlich gesagt, ein Verkauf "mache Sinn". Im Kongress stieß das auf Widerstand von beiden Seiten. Außenminister Marco Rubio und Verteidigungsminister Pete Hegseth haben nach den vorliegenden Berichten ernste Vorbehalte. US-Botschafter Tom Barrack, so Zemenides, drückt in die entgegengesetzte Richtung. "Er agiert wie der türkische Botschafter in den USA, nicht wie ein amerikanischer Botschafter in der Türkei." Gone native. Ein selten deutliches Wort für einen leitenden Diplomaten.
Die Woche markierte zudem den 52. Jahrestag der türkischen Invasion Zyperns. Das gehört zum Hintergrund, nicht zum Hauptgang — aber wer auf den Drähten sitzt, vergisst den Hintergrund nie.
Der technische Kern, der fast immer untergeht: Es geht nicht um Flugzeuge allein. Es geht um die gesamte Logistikkette. Ersatzteile. Wartungshandbücher. Dual-Use-Komponenten für Bodenziele. Datenleitungen für Einsatzdepots. Diagnose-Server. Wer auf diesem Weg chinesische Anbieter in der Telekommunikation sitzen hat, platziert eine Wanze zwischen Flugzeug und Bodenstation — nicht durch böse Absicht, sondern durch die schiere Architektur des Netzes.
Was offen bleibt, ist die Frage, welche konkreten Knoten der türkischen Telekommunikation in welcher Reichweite der türkischen Luftwaffeninfrastruktur tatsächlich liegen. HALC benennt das Risiko, präzise. Die Karte der Leitungen, die an eine F-35-Depotleitung angrenzen, ist mir bisher nicht in die Hand gekommen. Welche Ersatzteilketten über welche chinesischen Zwischenstationen laufen, ist ebenfalls nicht öffentlich belegt. Das Telefunken-Lager der Wahrheit, das ich durchsuche, gibt nicht immer alles preis.
Die Drähte summen. Peking hört mit. Washington zögert. Die Kiste mit dem S-400-Chip steht in einem Hangar am Bosporus, gut sichtbar und doch im Dunkeln. Wer den Hebel umlegt, muss vorher wissen, wer an seinem anderen Ende sitzt.
❖ Ende des Artikels ❖
