Alle kaufen Europa. Wem nützt der Lärm?
Plötzlich also. Plötzlich sind alle begeistert von europäischen Aktien. Ich höre das Wort seit heute Morgen auf jeder Frequenz, und mein erster Reflex ist derselbe wie damals, als mir ein Funker in Rotterdam erzählte, die Leitungen seien "plötzlich" ruhig: Ich prüfe das Kabel. Wo viel Lärm ist, läuft ein Signal. Aber welches, in welche Richtung, für wen?
Die erste Notiz kam aus Zürich. Ein Händler von Goodhart Partners, auf Reisen, schreibt in einen Beitrag, der wie ein Reisetelegramm daherkommt, in Wahrheit aber eine Standortbestimmung ist: "Suddenly everyone is excited about European Equities!" Sein Vorschlag: einsteigen, herfliegen, die Unternehmen ansehen, die falsch bepreisten heraussuchen. Guete Morge aus Zürich. Höflich, professionell — und einen Schritt zurück. Wer auf der Welle reitet, sieht die Welle nicht. Wer am Ufer steht, sieht, wohin sie bricht.
Die zweite Frequenz ist die der ETF-Datenbank. Europa-Aktien-ETFs, heißt es dort, böten Anlegern ein Engagement in Unternehmen mit Sitz in Europa, breit gestreut oder fokussiert auf einzelne entwickelte oder aufstrebende Märkte. Das klingt nach Werkzeugkasten, ist in Wahrheit ein Hebel. ETFs sind keine Wertpapiere im klassischen Sinn. Sie sind Gefäße, gefüllt mit dem, was Anleger hineingießen. Was Anleger derzeit hineingießen, ist Aufmerksamkeit. Wer das Vehikel gebaut hat, sitzt am Hebel. Wer es füllt, wenn die Kurse fallen, steht am Abgrund.
Dann die Börse. Cboe Europe, mit 24,5 Prozent Marktanteil im Mai die größte paneuropäische Börse, veröffentlicht ihre Zahlen. Das ist gegenüber dem April ein Rückgang um 1,3 Prozentpunkte — von 25,8 auf 24,5. Kein Zusammenbruch. Aber ein Trend. Die Mitteilung spricht vom "diversifizierten Handelsmechanismus" und davon, dass man die größte paneuropäische Börse sei. Wer sich so selbst beschreiben muss, hat ein Interesse daran, dass das Volumen steigt. Volumen steigt durch Begeisterung. Begeisterung kommt vom Pop. So schließt sich der Kreis, und das Kreiseln bringt Gebühren.
Die entscheidende Notiz kam zuletzt. Keith McCullough, Chef von Hedgeye, schreibt heute an seine Abonnenten: "Europäische Aktien: Heutiger Pop bricht den furchtbaren Trend nicht." Italienische Titel hätten die Gewinnerliste angeführt. Aber Italien, so McCullough, ist nicht Europa. Wer den heutigen Anstieg als Trendwende verkauft, verkauft Wunsch als Analyse.
Das ist der entscheidende Satz. Nicht weil McCullough Recht hat — das weiß ich nicht, und das behaupte ich auch nicht. Sondern weil er die Unterscheidung trifft, die in der heutigen Berichterstattung fehlt. Pop ist ein Tag. Trend ist ein Quartal. Wer beides verwechselt, verliert Geld. Wer beides absichtlich verwechselt, gewinnt welches. Unklar bleibt, wer in dieser Stunde das größte Interesse hat, dass die Verwechslung gelingt.
Drei Akteure, die ein Interesse an Aufmerksamkeit haben, höre ich aus den Drähten. Die Vermögensverwalter, die nach Zürich reisen und das Narrativ "Europa ist wieder interessant" verstärken. Die ETF-Branche, die das Vehikel liefert, in das die Aufmerksamkeit fließt. Die Börsen, die am Volumen verdienen, das die Aufmerksamkeit erzeugt. Mittendrin ein Analyst, der den Pop vom Trend trennt — also genau das tut, was ein Telegraphist auf gestörtem Kanal auch tut. Das Signal vom Rauschen trennen.
Wem nützt das alles? Ich sage nicht, dass die Notiz aus Zürich falsch ist, oder dass ETFs schlecht sind, oder dass Cboe lügt. Ich sage: Wenn "plötzlich alle" begeistert sind, dann heißt das in der Sprache der Märkte, dass die Positionen aufgebaut sind, die Narrative gestreut, die Fonds offen. Wer in dieser Phase noch kauft, kauft denjenigen ab, die vorher aufgestiegen sind. Die Verkäufer sitzen näher am Geschehen. Das ist das alte Spiel — nur die Mechanik ist neu.
Was also wirklich zählt, ist die Mechanik. Ein Pop braucht ein Publikum. Das Publikum bekommt ETF-Zuflüsse, Börsen-PR und Reisenotizen aus Zürich. Die Strippen, die ich kenne, summen anders. Sie sagen: Vertraue dem Trend, nicht dem Pop.
Ob der Trend furchtbar ist, wie McCullough schreibt, oder nur unbequem, werden die nächsten Monate zeigen. Was bleibt, ist die alte Frage. Neue Werkzeuge. Alte Hände. Ich bleibe an den Drähten.
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