Ceutas Empfangsschalter: Die Invasion, die der Staat absichert
Der Regen trommelt auf die Scheibe des Cafés unten. Evelyn singt irgendwas vom letzten Frühling, und die Schreibmaschine wartet, wie sie immer wartet. Heute Nacht kommt die Meldung aus Ceuta über den Draht, und sie riecht nach Salzwasser und nach Verrat.
In der spanischen Exklave an der marokkanischen Küste vollzieht sich vor laufenden Kameras eine Invasion, die keine Panzer braucht. Junge Männer schwimmen um den Grenzzaun herum. Manche auf Reifen. Manche auf bloßer Haut. Spanische Polizisten ziehen sie aus dem Wasser, die Seenotretter bergen sie, die Guardia Civil fährt sie in Aufnahmezentren. Hunderte täglich. Acht-hundert an einem Mittwoch. Knapp fünfzigtausend binnen vierundzwanzig Stunden, wenn die Korrespondenten am Mittelmeer nicht völlig danebenliegen. Melilla brennt an derselben Front, und auf der anderen Seite der Meerenge warten die nächsten Gruppen auf den passenden Moment.
Das ist keine Naturkatastrophe. Das ist ein Programm.
Der Präsident der autonomen Stadt Ceuta, Juan Jesús Vivas, rechnet es den Kameras vor: Innerhalb weniger Tage entspricht der Ansturm zwei Prozent der Bevölkerung seiner Enklave. Auf Spanien hochgerechnet wären das eine Million Menschen. In jedem anderen Zusammenhang würde eine solche Zahl als Angriff auf die staatliche Ordnung verstanden. In der Migrationspolitik heißt sie humanitäre Herausforderung. Es werden zusätzliche Betten gefordert und mehr Sozialarbeiter. Betten. Sozialarbeiter. Die Sprache der Kapitulation ist weich, sie trägt weiße Kittel.
Doch das ist nur die Kulisse. Die Frage, die kein Redakteur in Madrid zu stellen wagt, ist die nach dem Mechanismus.
Der Mechanismus ist einfach, und er ist schamlos: Der spanische Staat übernimmt die letzte Etappe der illegalen Einreise. Die Männer schwimmen — das ist der gefährliche Teil, den die Schlepper auf der anderen Seite organisieren helfen. Dann greift die Polizei zu und sichert ab, dass die Landnahme nicht an den Gefahren des selbstgewählten Weges scheitert. Zwölf Beamte, berichten die Gewerkschaften, sollten eine Gruppe von dreihundert Migranten bewachen. Die Männer liefen davon. Die Polizei konnte sie nicht stoppen. Das ist nicht das Versagen einer Behörde. Das ist das Design. Die europäische Außengrenze ist damit keine Grenze mehr. Sie ist der Empfangsschalter einer politisch und juristisch ermöglichten Landnahme.
Die Festung Europa. Die Römer haben es besser gemacht. Die hatten Legionen an den Rändern ihres Reichs, keine Seenotretter im Dienst des Feindes.
Wer profitiert?
Schauen Sie nach Norden. Die Verheißung, die an den Stränden von Marokko und Algerien flüsternd weitergegeben wird, ist nicht das Bleiberecht in Ceuta. Ceuta ist der Eingang, das Drehkreuz. Die Aussicht ist ein anderes Land. Das selbstmörderisch mit Geld und Sozialleistungen um sich werfende Deutschland, das keine Viertelsekunde darüber nachdenkt, was ein Ende der Transferleistungen bedeuten würde — für wen auch immer. Das Deutschland, das seine eigenen Grenzen längst abgeschafft hat, während es gleichzeitig über die Grenzen der anderen redet. Das ist die Struktur. Das ist der Mechanismus. Die Verheißung ist die Eintrittskarte für dauernde Niederlassung und die Aussicht, in noch lohnendere Beuteländer des alten, morschen Europas weiterzuziehen.
In Rom sitzt eine Regierungschefin, die das Wort noch beim Namen nennt. Giorgia Meloni fordert die Aussetzung des Schengen-Abkommens. Sie ist in Europa damit fast allein, und gerade deshalb hört man ihr zu. Weil sie die einzige ist, die den Zirkus nicht als Wohltätigkeit verkleidet. Sie sagt: illegale Einwanderung. Sie sagt: Menschenhändler. Sie sagt: Abschiebung. Sie spricht die Sprache, die in Berlin und Brüssel längst aus dem amtlichen Wortschatz gestrichen wurde — und sie spricht sie in ein Mikrofon, das nichts mehr aufnimmt.
Die Berliner Redaktionen schweigen. Das ist das zweite Indiz.
Wer über die Invasion von Ceuta berichtet, meldet Wetter und Wasserstände. Wer über die Macht hinter der Invasion berichten müsste, schweigt. Es geht nicht um Migranten. Es geht um das, was nach der Einreise kommt — um die Sozialsysteme, die als Lockmittel dienen, um die Mieten, die bezahlt werden, um die Wahlen, die mit neuen Wählergruppen gewonnen werden sollen, um den Putsch von oben, der sich in Zeitlupe vollzieht, und den die herrschenden Regierungsparteien längst als ihre Lieblingsoperation adoptiert haben. Dieser Staat gehört denen, die ihn gerade umbauen.
Was bleibt offen? Wer auf der marokkanischen Seite die Schwimmer koordiniert, ob staatliche Stellen in Rabat und Algier ein Auge zudrücken oder ob es nur die Schlepper sind, die nicken. Ob die EU-Kommission in Brüssel von jeder Welle weiß, bevor sie kommt. Welche Summen tatsächlich fließen, wenn Ceuta zum Transitland wird. Und die wichtigste Frage, die kein Leitartikler dieser Republik stellt: Welche Regierung in Europa verliert eigentlich etwas, wenn die Festung fällt?
Morrison legt den Hörer auf die Gabel. Evelyn hat aufgehört zu singen. Im Café geht das Licht aus. Über Ceuta schwimmen in dieser Nacht wieder Männer auf Reifen und auf bloßer Haut, und spanische Polizisten stehen im Wasser und fischen sie auf — höflich, geübt, mit Handschlag.
Der Einzige, der hier nicht weiß, was er tut, ist der Grenzzaun.
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